Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-844728
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-845060
besten Falle politische Absichten. Dem Künstler ist der Dar- 
gestellte innerlich gleichgültig. Aus sich heraus würde er nicht 
auf den Gedanken kommen, gerade die aufgegebene Persönlich- 
keit als Veranlassung zum künsilerisehen Schaffen zu nehmen. 
Klinger als musikalische Natur war von je ein dankbar-er Be- 
wunderer Beethovens. Seine höchsten Lebensfreuden dankte er 
ihm. Aus dieser Empfindung entstand die Schöpfung und wurde 
damit ein Denkmal, das als freies Kunstwerk den künstlerifchen 
Drang feiner Seele ausdrückte. Und statt in den vierzehn Tagen 
vor der Ablieferung zur Concurrenz hastig und mit steter Be- 
rechnung des Eindrucks auf die Jurt) eine möglichst angenehm 
wirkende Skizze zu entwerfen, an der bei der Ausführung nach- 
her sowenig wie möglich geändert wird, und soviel wie möglich 
helfenden Händen übertragen wird, hat Klinger für die Si-izze 
und die eigenhändige Ausarbeitung zwei Jahrzehnte gebraucht 
und hat in das Werk hineingethan, was er an Kraft und Liebe 
besaß. Er hat an die einzelne Gestalt so viel Zeit verwendet, wie 
keins der ungeheuerlichsten Monumentaldenkmäler, die in 
Deutschland während derselben Epoche entstanden sind, feinem 
Urheber auch nur annähernd gekostet hat, und wenn es dutzende 
von Figuren und Pferden Umfaßte. 
Es ist auffaliend, wie eng er sich mit den großartigsten Er- 
findungen Rodins berührt. Rodins Victor Hugo ist indes Idee 
fast identisch mit Klingers Beethoven. Auch hier handelt es sich 
um den Augenblick des Schaffens. Auch Victor Hugo thront 
und lauscht, nur daß die Musen oder Naturgeifier, die ihn in- 
fpiriren, ihn umschweben. Auch bei ihm faßt die neue und aus- 
drucksvolle Gebärde alles zufammen., 
Und merkwürdig ist, daß beide, unabhängig von einander, bei 
dem Bildniß monumentalen Stils das Zeitliche haben fallen 
lassen. Beethoven wie Victor Hugo thronen nackt, und beide 
haben dabei den nackten Körper dem schaffenden Kopf so Voll- 
ständig unterzuordnen gewußt, daß niemand auf den Gedanken 
kommen kann, einen Athleten vor sich zu haben. Antlitz und 
Gebärde beherrschen den Eindruck. Bei Klinger ist der Körper 
in sehr feinem Takt mit etwas flacher Brust, wenig entwickelten 
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