Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-844728
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-847363
schienen war, sagte ihm Cassit-er: Sie haben ja Cout-bei ver- 
gessen. Er schlägt sich vor den Kopf und geht hin und schreibt 
ein Buch über ihn. Nachher sagt ihm .Heilbut: Warum haben 
   
Dem Kunstwerk gegenüber ist er ausschließlich Enthusiast. 
Diesen Standpunkt kennt man in Paris nicht, wo die feine, 
nüchterne Kennerschast alteingesessen ist, und man verstand ihn 
deshalb gar nicht oder falsch. Als es ihm passirt war, daß sein 
Enthusiasmus auch vor anerkannten und bekannten Crouten ent- 
flammte, glaubten sie ihm nicht mehr, da ihnen solche Gemüths- 
Verfassung unbekannt ist, die in Deutschland, wo es keine Kenner- 
schast giebt wie in Paris, weiter nicht ausfällt. Aber Meter-G:-aese 
ist ganz ehrlich. Er glaubt sich Alles. Also auch, daß er jetzt be- 
stimmt ist, den Belasquez umzubringen wie er Bd(-klin getötet 
und Menzel in der Blüthe seiner Jugend den Gnadenstoß ge- 
geben hat. 
Natürlich wurde auch die leidige Tschudisaehe gestreift. Tschudi 
ist vor acht Tagen nach Japan abgedampft. Alle seine Freunde 
hatten ihn bestürmt, die Einladung Wiegands anzunehmen, denn 
es ging nicht mehr in Berlin. Tscl)udi verzehrte sich. Er ging täg- 
lich in die Nationalgallerie und besuchte seinen Vertreter (.Herrn 
v. Donop!). Man sagte ihm, das ginge nicht, er fühlte auch selbst, 
daß es nicht würdig war, aber er konnte es nicht zwingen. 
Ein tragisches Schicksal, wenn es sich nicht wendet. Bis zu 
seinem sünfzigsien Lebensjahr war Tschudi Assistent Bodes. Nach 
den ersten Jahren sehr enger Freundschaft- Tsch1-di wohnte in 
Bodes Haus als Familienmitglied - waren kühle Jahre ge- 
kommen. Bode machte alles ohne ihn. Er saß allein in seinem 
Zimmer und feilte scharfe Epigramme über seinen Chef. In weiten 
Abständen erschienen Aussage, die sehr beachtet wurden, aber am 
Leben nahm Tschudi eigentlich nicht theil. Dann setzte ihn Schöne 
auf Jordans Thron, und mit einem Schlage war er Regent. Es 
war, als ob die Selbständigkeit einen neuen Menschen aus ihm 
gemacht hätte. Aus dem zur Seite stehenden und kalt gestellten 
Frondeur war ein Führer geworden. 
Niemand weiß, was wird, wenn sein Urlaub abgelaufen ist.  
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