Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-844728
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-846422
Nürnberg, den 22. November l905. 
Ich sitze und warte auf eine Nachricht vom Bürgermeister, der 
Sitzung hat und nicht abtömmlict) ist. 
Die Berliner Ereignisse, die so bedeutend sind, daß niemand 
darauf zu achten scheint, liegen auf mir wie eine körperliche Last. 
Ich habe kaum Zeitungen gesehen, weiß deshalb nicht, was die 
öffentliche Meinung sagt. Vermuthlich nichts. Ein Mann geht, 
der andere kommt. Der Abgehende ist wenigen bekannt, der 
Kommende hat einen Namen von weiter .Hallkraft und sogar 
eine Art Volksthümlichkeit. Was Wunder, daß alles in Ordnung 
scheint und mehr als das: verbeß"ert. 
Hier tacht sich Schönes über-große Zurückhaltung. Das deutsche 
Volk ahnt gar nicht, was alles mit diesem Manne gefallen ist. 
Er hat der Presse nie zu reden gegeben. Sie hat ihn immer nur 
mit erwähnt. Wo er der Leiter und Anreger war, erschien er der 
Onentlichkeit als Zuschauer. Thatsächlich steckt er hinter allem, 
was an den Masern geschah. Und er war nicht nur der Diplomat, 
der Wege wies oder ebnete, er wurde bei allen großen und den 
meisten kleinen Dingen als Rathgeber herangezogen, denn in 
allen Fächern hatte sein Schakfsinn und sein Urtheilsvermögen 
die Oberhand. Seine Kraft und Einsicht steckten als Feder im 
großen Getriebe der preußischen Museumsangelegenhciten. Hatte 
er es vorgezogen, als Gelehrter in seinem Fach, der Archäologie, 
zu wirken, die ganze Welt würde mit seinem Namen vertraut sein. 
Was eigentlich vorgegangen ist, weiß ich nicht. Tschudi konnte 
auch nichts ausfagen. Aus Er-innerungen und aus zerstreuten 
Nachrichten, die ich auf der Reise zufammensuchte, habe ich ein 
Bild gewonnen, das vielleicht richtig ist, aber ebensogut falsch 
sein kann. 
Schöne hat im Ministerium einen Feind, der ihm seit Jahren 
Verlegenheiten und Schwierigkeiten bereitet. Dieser Feind schwebte 
einst in einer Krisis amtlichen Charakters. Von Schöne hing es 
ab, ob er weite:-wirken könnte, und Schöne stürzte ihn in der 
Meinung, nun für immer einen Freund seiner Bestrebungen 
neben sich zu haben. Es schlug zum Gegentheil um. 
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