Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-839791
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-843930
Stuttgart, den l5. Mai l900. 
 Von hier auf Hamburg zu sehen, hat etwas sehr Ent- 
muthigendes. In Frankfurt hat sich ein Museumsverein ge- 
gründet, der jährlich 20000 Mark für Anschaffungen aufbringt 
und eben Liebermanns Waisenmädkhen für M. 2.50C0 erworben 
hat. Unser Verein von Kunstfreunden, der älteste seiner Art, hat 
jährlich M. 6000 im besten Fall. Unsere Sammlungen wachsen 
beständig an Umfang, und wie niedrig ist das Niveau. Und 
darüber schämt sich eigentlich Niemand. Ware es nur eine Frage 
der Repr(isentation, so könnte man sagen, es ist Geschmacks- 
sache, ob eine Dame sia) mit falschem Schmuck beladet. Aber 
es ist in erster Linie Sache der Volkswirthschaft und der Bildung. 
Solange das Museum schlecht ist, können Privatsammlungen, 
die das Mittelmaß überragen, nur Erzeugnisse zufälliger Glücks- 
umstände sein. Der Durchschnitt bleibt niedrig, und wer für den 
Schmuck seines Hauses einzelne Bilder kauft, wählt Schund, 
den er hoch bezahlt. So geht das Geld aus d,er Stadt und der 
Staat erbt nachher werthloses Zeug. 
Seit Jahren drängen wir auf einen Zuschuß vom Staat, der 
für die verhältnißmcißig werthlose niedere Bildung so ungeheure 
Opfer bringt  im Grunde zur Unterstützung der Soeialdemo- 
kratie, der die schreibens- und lesenst"undigen bildungsbedürf- 
tigen Massen als breitestes Erbe zufallen  und immer fallen 
wir in der ersten Instanz durch, obgleich man mir von vielen 
Seiten in der Bürgerschaft sagt, wir sollten nur kommen. Mir 
kommt es manchmal vor, als müßte ich jetzt abtreten, wo auf 
vielen Gebieten der Grund gelegt ist, damit mein Nachfolger 
sofort mit einer großen Forderung austreten und sie durchsetzen 
kann; denn in der Psychologie des .Hamburgers sieht geschrieben, 
daß er neue Leute gern sieht und ihnen das Erste, was sie ver- 
langen, nicht gern abschl(igt. 
Es genirt mich oft, wenn ich unterwegs bin, zu hören, wie 
man die Zustände in Hamburg rosig sieht. Die Leute lesen und 
meinen, es sieht bei uns ganz großen-tig. Sie sehen, was die 
Ich
        

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