Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-839791
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-843280
Summe alljährlich der eigentlichen Ausstellungskunst zu gut und 
dient dazu, sie immer weiter zu züchten. 
Unter den alten Bildern sind einige ganz interessante. Leider 
hängen sie in dem dunkelsten der hohen S(ile im Dutzend über 
einander. Die Bestimmungen sind manchmal sehr komisch. 
Dennoch lohnt sich der Besuch des Museums, denn das Treppen- 
haus und zwei Säle sind von Puvis de Chavannes ausgemalt, 
und die dankbare Stadt, die das Museum von der Gesellschaft 
übernommen hat, ließ seine Marmorbüste von Rodin im runden 
Mittelsaal aufstellen. So muß man die Kunst des Meisters sehen, 
für sich, ohne die störende Gemischtheit der Ansstellungen. Die 
Bilder sind in zahllosen Reptoduc1ionen verbreitet: Pro patria 
ludus, Le Repos, Le TraVail, Ave Picardia nutrix, Concordia, 
Be-llum und einige kleinere Composi1ionen. Ein Wandbild ist 
doch etwas anderes als ein Staffeleibild, und ein Kunstwerk, das 
für einen bestimmten Raum gedacht werden kann, ist im unsag- 
baren Vortheil gegen das Ausstellungsbild. 
Paris, den 23. Juni 1898. 
Irgend jemand, ich weiß nicht, wer, hat einmal im Gil Blas 
gesagt, daß seit einem Jahrhundert Frankreich an der Revolution 
krank liege, an einer einzigen, st)mptomatisch behandelten, vor- 
übergehend äußerlich geheilten, aber immer wieder aufbrechenden. 
Die Minister-krise erinnert mich an das Wort. Niemand kümmert 
sieh darum außer den Zeitungen. Niemand weiß, wie die Sache 
steht. Ich fragte gestern aus Spaß verschiedene Beamte. Sie be- 
sannen sich, wenn ich sie darauf anredete, als hätte ich sie nach 
einer Jahreszahl ans den Kkeuzzügen gefragt, dann zuckten sie 
die Achseln und bekannten ihre absolute Gleichgiltigkeit. Das geht 
nur die im Moment Ministrablen an, meinte einer. 
Heute bei der Einweihung des Museums hatte ich den leb- 
haften Eindruck von der modernen Regierung. 
Die Feier fand in dem kleinen, von einstöckigen Gebäuden um- 
gebenen Hof des .H6tel Carnavalet statt, das lange Zeit von Ma- 
dame de S6vigne'- bewohnt worden ist. Auf der einen Seite war 
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