Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-839791
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-840189
In dem eigenen Leben, das Eifer und Intelligenz mit raschen 
Erfolgen belohnt sah, mochte er das Schicksal seines Volkes sich 
spiegeln sehen. Wirklich war seine Existenz typisch; vielen neben 
ihm auf allen möglichen Gebieten erging es ähnlich. Ihm aber 
war es vorbehalten, das Ungewisse dieses Zusiandes mitten im 
Glücke zu ahnen. Es konnte ihn bisweilen ein Gefühl anwandeln 
wie das Grauen vor der Götter Neide. Und diese Gefahr zu seinem 
Teile abwenden zu helfen, war einer der Grundgedanken seines 
Lebens. Er gab ihm am Schlusse seines Vortrages über den 
Deutschen der Zukunft im ersten Jahre des neuen Jahrhunderts 
einen prophetischen Ausdruck. Das Schicksal unseres Volkes ver- 
glich er darin einem Baume, dessen Stamm jahrhundertelang 
gefällt gewesen sei und nun aus seinen uralten Wurzeln einen 
neuen Stamm emporgetrieben habe. Fortfahrend sagt er: ,,-Aber 
die Mächte, die dem ersten Stamme den Untergang bereitet haben, 
find noch nicht überwunden und lauern  immer noch dieselben  
in uns und um uns her.  Schutz vor neuer Vernichtung ge- 
währen uns nicht die äußeren Einrichtungen unseres Volkstums, 
nicht unsere Bündnisse. Das alles kann der Sturm einer Nacht 
wegfegen.  Aber unbesiegbar werden wir stehenbleiben, wenn 
jeder einzelne in jeder Stunde, bei jedem Werk, an jedem Ort, 
wohin ihn Mut und Schicksal gestellt haben, das höchste Maß 
seines Willens und seiner Kraft entfalten lernt." Solchem Ziele 
der Ertüchtigung sollte seine Kunsterziehung gelten, nicht dem 
heranbilden von Kennern und weichlichcn Genicßern. Es mag im 
ersten Augenblick befremden, gerade die Kunst in diesem Sinne 
dienstbar gemacht zu sehen, allein sie steht hier als das Zeichen 
für Schöpferkraft. 
Er sah sein Volk unerhört erfolgreid), gebläht von äußeren 
Machtmitteln und Selbstzufriedenheit. Nur an seiner Seele hatte 
es Schaden genommen, und aus dieser innerlichen Leere sah er 
die große Gefahr erwachsen, auch für die Zukunft des politisch- 
wirtschaftlichen Lebens. So wies Lichtwarks pädagogisches Be- 
mühen über die Kunß hinaus auf die Ganzheit des Menschen. 
Sein Vorgang mag ein Beispiel dafür gewähren, wie die 
verschiedenen Tätigkeitsgebiete sich berühren. Liehtwnrk war kein
        

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