Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-839791
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-840921
von seinem Onkel Rade, dem Begründer der modernen Bewegung. 
Rade hatte angefangen im Stil seiner Zeit die Natur nach ge- 
wissen Recepten zu vera1lgemeinern und zu ,,verschönern". Er 
hatte damit nicht mehr erreicht als alle Andern, die auf diesem 
Wege Kunst machen wollen. Da besuchte ihn eines Tages der 
berühmte Mathematiker Monge und sieht sich seine Entwürfe 
und Skizzen an. Er sagt nichts und zieht nur den Mund von 
links nach rechts. Rade ärgert sich, daß der Laie nicht entzückt 
ist und versetzt ihm eins. Da sagt ihm Monge: Lieber Freund, 
ca n"est pas du tout cela. Ihre Figuren stehen nicht und gehen 
nicht und haben gar kein Gewicht. Sie sollten einmal die Natur 
mit den Augen des Mathematikers ansehen, dann würden Sie 
Dinge wahrnehmen, von denen in Ihrer Kunst nichts zu spüren 
ist. Die Natur ist noch unendlich viel schöner, reicher, mannig- 
faltiger und interessanter, als Sie ahnen. 
Dieser Hinweis bewirkte eine vollständige Revolution in Rades 
Anschauung, denn er fiel wie ein Funke in ein Faß mit fertigetn 
Pulver. Freilich hat Rade seine Selbständigkeit mit seinem Lebens- 
glück zahlen müssen. Nachdem er die Augen aufgemacht, entsetzte 
ihn die schöne officielle Kunst, grade wie seine natürliche Frische 
seine Zeitgenossen. Vor dem Erfolg all der Nullen, die vom Strom 
getragen wurden, zog er sich in die Einsamkeit des Schaffens zu- 
rück, von wenigen verstanden. Er war schon ein Sicbziger, als 
ihm, dem Träger der Entwicklung, eine goldene Medaille aus 
dem Salon zu Theil wurde, und so sehr war er an Mißerfolg und 
Berkennung gewöhnt, daß ihn diese Medaille beglückte, wie wenn 
er sie unvermuthet als Zwanzigjähriger erhalten hätte. Sie hat 
ihm den Lebensabend ver-goldet. Främiet erzählte mir auch, wie 
seine Familie und Rade zusammenhangen. Ein Großvater von 
Fr6miet hatte Rades Talent entdeckt, als dieser noch Arbeiter 
war, hatte ihn vom Militair freigekauft und ihm die Mittel zur 
Ausbildung gegeben. Später heirathete Rade die Tochter seines 
Befreier-Z und wurde seinerseits der Helfer unseres Fr6miet. 
Medaillen und Plaketten hat Rade nach Främiets Aussagen 
nicht gemacht (ich habe einmal eine Angabe darüber gelesen). 
Nur ein Medaillen eristirt, das Bild seiner Frau. Fr6miet will 
98
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.