Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst der vor- und außerchristlichen Völker
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-834561
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3821274
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Sechstes Buch. Die indische und ostafiatifdhe Kunst. 
sind. Frenidartig genug nehmen sie sich daher auch z. B. auf der Darstellung der Verehrung 
des heiligen Feigenbaumes durch die ganze Tierwelt neben den lebendig und natürlich gezeich- 
neten indischen Tieren aus. Lebendig und natürlich sind innerhalb der Grenzen der indischen 
Kunst auch die wirklichen Menschen auf den Reliefs von Santschi dargestellt. Ihr länglicher 
Kopf, ihre großen Augen, ihre ausgeworfenen Lippen zeigen den indischen Natioualtypus. Die 
Frauengestalten erhalten schon die ungemein dünne Taille, die kugelförmigen starken Brüste 
und die ungewöhnlich breiten Hüften, die als Merkmale indischer Frauenschönheit bis auf den 
heutigen Tag kanonische Geltung behalten haben. 
Auf den plastischen Bildschn1uck der älteren buddhistisch en Grottenbauten ist zum Teil 
schon bei der Besprechung ihrer Bauformen hingewiesen worden (vgl. S. 493). Um 150 v. Chr. 
werden die Reliefs der berühmten Höhle zu Udayadsihiri entstanden sein: keck und urwüchsig er- 
zählt, national-indifch ihrer küustlerischen Haltung nach, nehmen diese Darstellungen entlegener, 
zum Teil noch nicht erklärter Legenden unsere Einbildungskraft mächtig gefangen. Dem ersten 
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung mögen die naturwahren Tiergruppen an den Fassaden- 
säulen zu Bedsa, die Menschenpaare an der Außenseite des Tempels zu Karli und die ältesten jener 
großartigen Elefantenreiter auf den Kapitellen seines Inneren angehören, deren jüngere uns 
in .eine spätere Zeit herabführen. Echt indisch in ihrer ungezwungenen dekorativen Haltung und 
ihrer freien, weichen Formensprache erscheinen sie alle, die hundertundzwanzig Fürstengestalten 
auf den sechzig Elefanten über den Säulenkapitellen des unterirdischen Saales zu Karli. 
Fertiger und glatter, vielfach aber auch schon herkömmlicher in der Durchbildung als alle 
diese Werke treten uns dann die erst um 200 n. Chr. entstandenen Reliefs vom Steinzaun zu 
Amaravati entgegen, die im Jndischen Museum zu London aufbewahrt werden. Neben den 
üblichen Verehrungsszenen, legendenhaften Darstellungen und dekorativ wiederholten Tier- und 
Knabengeftalten kommt hier, wenngleich wir nicht sicher sagen können, ob hier zum ersten Male, 
schon Buddha selbst und hinter Buddhas Haupte schon der Nimbus, der Heiligenschein, vor; doch 
erscheint der Meister noch stehend unter seinen Schülern, noch nicht zu dem bekannten, mit unter- 
geschlagenen Beinen dasiZenden Kultusbilde umgewandelt. Nach Fergusson und Grünwedel 
stünden diese Reliefs schon unter dem Einfluß der Gandharaschule. Vincent Smith aber be- 
streitet dies, wie es scheint, mit größerem Rechte, und glaubt sie nur leicht und wenig auffällig 
von jenen direkten hellenistischen EinAüssen berührt, die neben den persischen in dieser ganzen 
älteren indischen Kunst wahrzunehmen, aber auch nach ihm nicht wesentlich gering sind, um den 
nationalen Grundcharakter dieser Kunstübung in Frage zu stellen. 
Erst später, doch wohl umnittelbar nach der Entstehungszeit der Reliefs von Amaravati, 
entfaltete sich in Gandhara jene schon genannte römisch-buddhistische Kunst, die die buddhistischen 
Legenden im Gewande der griechisch-römischen Verfallzeit darstellte (vgl. S. 485). Wichtiger 
als für die indische Kunstgeschichte erscheinen uns diese Skulpturen für die buddhistische Jkono- 
graphie. Doch liegt es in der Natur der Sache, daß dieseKunst von Gandhara die indischen Ge- 
stalten zunächst in ihrer indischenAusbildung aufnahm. Selbst die Gestalt des stehenden Buddha, 
neben dem der böse Dämon Mara erscheint, werden die Künstler von Gandhara eher dem Re- 
lief von Amaravati entlehnt haben als umgekehrt. Daß auch die eigentliche Kultusgestalt des 
Buddha, die mit unterschlagenen Beinen in frontaler Haltung sinnend dasitzt, nicht in der 
Gandharaschule erfunden ist, deutet bereits Grünwedel an, ja er glaubt diesen altindisc"hen 
Buddhatypus in einer allerdings erst dem 6. Jahrhundert angehörigen Thonpaste aus Buddha- 
Gaya erhalten zu sehen (s. die beigeheftete Tafel ,,Jndische Kunst, Tafel I", Fig. a). Es erscheint
        

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