Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst der vor- und außerchristlichen Völker
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-834561
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3821048
Die nordische Kunst der Völkerwanderungszeit. 
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der orna1nentalen Phantasie entsprungen sind, die in willkürliche Formen Tierköpfe -hineinsieht, 
um sie zunächst durch Bezeichnung der Augen, dann der Schnauze als solche kenntlich zu machen. 
Die Köpfe zeigen bald den Typus von Vogel-, bald von Vierf1"1s;erköpfen. Man betrachte 
z. B. das Mundblech einer Schwertscl)eide und die Krönung eines Schwertknaufes im Kopen- 
hagener Museum (s. die Tafel bei S. 466, Fig. k und1). Daß diese Tierornamentik, wie Sophus 
Müller meint, weder mit den tierisch gestalteten Messerenden der nordischen Bronzekunst noch 
mit ähnlichen Erscheinungen der Hallstattknnst etwas gemein habe, sondern ein ganz neuer 
Trieb sei, der sich im Norden in den Jahrhunderten der späten Kaiserzeit sebständig hervor- 
gewagt habe, ist schwer zuzugeben. Jedenfalls wird man die Ansätg-e zu ähnlichen Bildungen in 
der La Tene-Zeit nicht außer Rechnung lassen dürfen; jedenfalls aber ging von diesen Neubil- 
dringen oder Wiederbelebungen die Erdriickung des gesr1nanisch-römischen Verzierungswesens 
aus, die im Laufe der Völkerwanderungszeit erfolgte und zu Anfang der Merowingerzeit eine 
vollendete Thatsache war. 
Wie lange sich daneben in der barbarischen Kunst deutliche Anklänge an die klassische 
Kunstsprache erhielten, zeigt z. B. der reich mit unerklärten Reliefdarstellungen geschmtickte 
Silberkessel, der, 1891 bei Gundestrup in Jtitland ausgegraben, ins Kopenl)agener Museum 
gekommen sein wird. Trotz- seines nordischen Fundortes lassen manche Züge seiner Formengabe, 
läßt z. B. jener Gott, der mit untergeschlagenen Beinen dasit3t, ihn als gallisches Erzeugnis 
vom Ende der Völkerwanderungszeit erscheinen; andere Umstände lassen seine Heimat am 
Schwarzen Meere suchen. Jedenfalls ist seine Darstellung, wie ein Held mit einem Löwen ringt 
(s. die Tafel bei S. 466, Fig. m), die fast genaue, wenn auch ins Barbarische 1"iberset;te Nach- 
bildung eines mit der Sammlung Sabouroff ins Berliner Museum gekom1nenen klassischen 
Reliefs, das den Ringkamps des Herakles mit dem Löwen darstellt (s. Tafel, Fig. n). 
Arbeiten wie der Silberkessel von Gundestrup zeigen eine gewisse Verwandtschaft mit den 
Goldschmiedewaren der eigentlichen Völkerw and erungszeit, die besonders in Ungarn und 
im noch ferneren Osten dem Erdboden wieder abgenommen worden sind. Vorweg ist hier der 
merkwürdigen, zum Teil wohl von Pferdegescl)irren stammenden goldenen Besc?hlagplatten un- 
bekannten sibirischeu Fundorts zu gedenken, die der sibirischen Abteilung der Ermitage zu St. 
Petersburg einen besonderen Glanz verleihen. Man ler11t sie schon aus dem großen Werke 
kennen, das Kondakofs, Tolstoi und Sal. Reinach über die siidrussische Kunst herausgegeben 
haben. Manchmal viereckig umrahmt, manchmal durch die Umrisse der Darstellnngen selbst 
begrenzt, zeigen sie in derber durchbrocheuer Arbeit eine charaktervoll verzerrte, zum Teil 
phantastische Tierwelt im Kampfe mit sich selbst oder mit der Menschheit, deren Vertreter 
ihr manchmal zu Rasse, manchmal von Bäumen herab zu Leibe gehen. Ihre Gesamthaltung, 
einschließlich der landschaftlichen Zuthaten, hat die spätere griechische For1nensprache, die sie in 
eigenartiger, zielbe1vußter Barbarisierung wiederspiegelt, zur Voraussetzung. Ihre Goldsohmiede- 
arbeit, wie sie z. B. der Raubvogel zeigt, unter dessen Fängen ein Widder sich kri"nnmt, aber 
schließt sich schon durch ihre BeseHung mit farbigen Glas-pasten den Schätzen dieser Zeit an, die 
in Europa wiedergefunden worden sind. Der Reichtum der europäischen Königsschatzka1nmern 
der Völkerwanderungszeit spiegelt sich in manchen dieser ,,Schät5e" wieder, die uns den Glanz 
des ,,Horts" der Nibelungen veranschaulichen. Den Ausgangspunkt dieser Kunst sucht man, 
seit Paul Clemen in einem zusammenfassenden Aussage den Ausführungen Joseph Hampels über 
den Goldfuud von Nagy-Szent-Miklös zngestimmt hat, in der That in den skythisch-griechischen
        

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