Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst der vor- und außerchristlichen Völker
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-834561
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3817976
Drittes Buch. 
Die gtiecHiscHe ;-must. 
I. Die grierlJisclJe sinnst vix- zu den z;lersernriegrn. 
I. Einleitung.  Die griechische Kunst vor der Kiinstlergeschichte (um 900-575 v. Chr.). 
Jahrtausendelang hatte die Kunst des Nilthals und Mesopotamiens die Welt beherrscht, 
als die griechische Kunst anfing, sich auf eigene Füße zu stellen, um, in raschem Siegeszuge un- 
geahnte Höhen erklimmend, Europa, Afrika und Asien zu erobern. Jahrtausende sind aber- 
mals seitdem verflossen; und daß die griechische Kunst troH der Zwischenherrschaft der mittel- 
alterlichen Jahrhunderte und trotz des Ringens der Neuzeit, ihre Fesseln abzustreifen, immer 
noch eine Art von Vorherrschaft ausübt, lehrt ein Blick auf die neuesten Prachtbauten der 
ganzen Welt, die immer noch in der Formensprache der griechischen Säulenordnungen schwel- 
gen, zeigt die Einrichtung unserer Kunstschulen, in denen nach wie vor griechische Standbilder 
nachgezeichnet und nachgebildet werden, kommt uns in unserem eigenen Heim zum Bewußt- 
sein, in dem uns ans Schritt und Tritt Ziersormen begegnen, die geradeswegs oder aus Um- 
wegen von den griechischen abgeleitet sind. 
,,Wahrheit, Freiheit, Schönheit" sind die nur von grauer Theorie beanstandeten Begriffe, 
die sich immer wieder auf unsere Lippen drängen, wenn wir nach den Eigenschaften fragen, 
denen die grie(hische Kunst ihre Weltherrschaft verdankt. Der Kunst der Griechen zuerst gelang 
es, zur vollen Wahrheit der Naturanschau1mg hindurchzudringen. Sie zuerst erzog sich in langem 
Ringen dazu, nicht nur die menschliche Gestalt mit der ganzen Reinheit ihrer Verhältnisse, mit 
der ganzen Feinheit ihrer Oberfläche, mit der ganzen Lebendigkeit aller ihr möglichen Wendun- 
gen und Bewegungen wiederzugeben, sondern auch den inneren Menschen mit allen Empfin- 
dungen, die sich in seinen Gebärden aussprechen und in seinem Mienenspiel spiegeln, zur 
Anschauung zu bringen; sie zuerst lernte nach und nach größere, in sich zusammenhängende 
Darstellungen als annähernd richtig gesehene Ausschnitte aus der Welt der Erscheinungen zu 
kennzeichnen; ihr zuerst gelang es aber auch allmählich, ihre Götter und Helden mit solcher inne- 
ren Wahrhaftigkeit und 1"Iberzeugungskraft auszustatten, daß sie den Beschauer zur Verehrung 
und zur Selbstläuterung zwangen. Erst die griechische Kunst drang auch zur vollen Freiheit 
ihrer Schöpsungen hindurch, nicht nur zur sessellosen Darstellung aller leiblichen und geistigen 
Regungen, sondern auch zur Selbständigkeit gegenüber allen übrigen Geistesmächten und
        

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