Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Jahrbuch der bildenden Kunst
Person:
Martersteig, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-828796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3776511
Baukunstv 
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scheint sich bei der Monumentalbaukunst allmählich heranzubilden. Seit fast 30 Jahren hat letztere 
eine stark nationale Färbung und ist von der äusserlichen Nachahmung der Deutschrenaissancebauten 
der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu einem intimeren Ausdrucksvermögen gelangt, 
als dies die Anfänge hoffen liessen. Aber zu diesem Fortschritt war ein Menschenalter nötig, und 
seit der Zeit, wo man tastend die Prinzipien der mittelalterlichen Baukunst wieder zu erkennen versuchte, 
von der Zeit Heideloffs bis auf Ungewitter und schliesslich auf Karl Schäfer sind bald drei Menschenalter 
dahingegangen. Die alten Stilepochen sind uns durch die Vertiefung der Erkenntnis räumlich näher, 
zeitlich aber weiter gerückt. Wir haben ihre Eigenarten näher erkannt und damit auch ihre Verwandtschaft, 
den roten Faden, der sich verbindend durch alle Entwicklungen hindurchzieht. Der Stilfanatismus 
 hie Gotik und Renaissance, hie Barock  hat sich gelegt, es hat sich wieder eine gemeinsame Basis 
der Verständigung und der Selbstverständlichkeit gebildet. Ob Seidl und Hofmann mittelalterlich oder 
in späteren Formen, 0b Fischer scheinbar in neuerer Art baut, berührt uns nicht mehr in erster Linie; 
die Hauptsache ist, dass wir in ihrer Bauweise uns selbst und unsere Vergangenheit wieder erblicken. 
Die Münchner und Berliner Schulen und sonstigen Gemeindebauten, die Mannheimer Festhalle 
von Bruno Schmitz, Moritz' Kölner Stadttheater haben bei aller Verschiedenheit einen gemeinsamen Zug; 
sie wären nicht, würde man ihnen den Nährboden der hinter uns liegenden Entwickelung entziehen. 
Angesichts der frischen und lebenskräftigen Aufwärtsbewegung erscheint der Ruf nach einer neuen Kunst 
etwas verfrüht. So lange die Kunst mit jedem Werk noch neu zu sein vermag, so lange sie noch 
bildungs- und entwickelungsfähig ist, so lange hat sie sich noch nicht überlebt. Wenn dieser 
Fall aber eingetreten ist, dann mag man sie billig ad acta legen, wenn sie, vorher nicht von 
selbst ermüdet, eines sanften Todes erstirbt. 
Mit der Erkenntnis der Beziehungen, ,   
die unsere Zeit an die alte Kunst knüpfen, 
ist im Laufe der Jahre allenthalben der Wunsch   
hervorgetreten, die auf uns gekommenen    
Werke aus älterer Zeit vor dem Untergang V__i    
zu bewahren und sie der Nachwelt zu er-   Ui 
halten. Eine Fülle wissenschaftlicher Arbeit  m   w 
ist in den lnventarisationen der Kunst- und i  
Altertumsdenkmäler der deutschen Länder    Ä       
niedergelegt worden; wichtiger sind allerdings   
die Monumente, die wir der Nachwelt noch   f 
zu übermitteln vermögen. Wenn die sorgende   1;,   ff; 
Hand nicht eingriffe, so würde Stück um    i}  Ä 
Stück aus der Wirklichkeit VCTSChWiHÖGII,        
und nur der tote Buchstabe in den Archiven   ev    
würde bleiben. Die gewaltige Marienburg im A1„         
Osten hat ihre glanzvolle Wiederauferstehung  ' f: i -5   
erlebt, der Friedrichsbau auf dem Schloss zu      „  
Heidelberg ist nachgefolgt und selbst der Hoh-   i,    z Ei    
königsburg im Elsass hat man neues Leben [ß i,   ecke,    
zugedacht. Dem Götzen "Verkehr" wurde g,  i,   Ü  
allerdings leider schon manches, in den Reiss- P    f"   
schienenplan des Cieometers nicht passende,    
alte Werk geopfert, und die grösste Zahl    f   5 
unserer alten Stadte wurde ihres Haupt-    
schmuckes, der Tortürme beraubt. Auch in    ,  
Freiburg i. B. drohte, der Einführung der elek-  
trischen Strassenbahn halber, diese Gefahr,    
 Das neue Schwabentor in Freiburg 1. B. 
und ES muSS als glanzvolles Beispiel be- Photographie von G. Röbcke. Freiburg
        

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