Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Jahrbuch der bildenden Kunst
Person:
Martersteig, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-828796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3776493
Baukunst 
yy,._v4 w?)  Die Baukunst wird mit Vorliebe als die rückständigste 
s" A    unter den Künsten bezeichnet. Dass die Tatsache stimmt, muss 
j".  M? k? ohne weiteres zugegeben werden; ein Vorwurf wird sich aber 
i, als, Ü!  daraus nicht ableiten lassen, denn die Mittel, deren sich die 
f      Baukunst bedient, sind komplizierter und schwerfälliger als der 
  f_    Pinsel des Malers und der Griffel des Radierers. Braucht schon 
      g  der Bildhauer, um seine Modelle in Marmor oder Bronze aus- 
G  i}!    führen zu lassen, eine grosse Anzahl vonnHilfskräften, so be- 
3)      nötigt der Architekt, um einen Bau im Ausseren und Innern 
4   vom Plane zur Wirklichkeit zu übersetzen, ein ganzes Heer, 
 dessen Mannschaft, seien es Maurer, Zimmerleute, Steinmetzen, 
   Tischler, Kunstschlosser, Maler oder Handwerker anderer Berufe, 
Hans Thoma, Majonkafliese ausser der nötigen Handfertigkeit über ein grosses Mass von 
 Erfahrung verfügen muss, die, zum Teil in jahrtausendelanger 
Tradition, sich gesammelt hat. In dieser Tradition liegt die Schwerfälligkeit, aber auch die Stärke 
der Baukunst; sie ist wie ein gewaltiges Kapital, das in kleinen und kleinsten Teilen an eine grosse 
Zahl von Leuten verteilt ist. Deshalb vermochten auch Jahrzehnte in der Mitte des vergangenen 
Jahrhunderts nicht, mit diesem Kapital aufzuräumen, obwohl, in zum Teil noch unerklärlicher Weise, 
alte Techniken, die in der Barock- und Empirezeit noch geblüht, eine nach der andern verloren 
gingen. Der Misserfolg der Architektur auf der Darmstädter Ausstellung zeigt andrerseits, dass sprung- 
hafte Vorwärtsbewegungen, selbst mit Aufgebot von viel Arbeit und noch mehr Reklame, nicht 
möglich sind. 
Trotzdem die Entwickelung der Baukunst durch eine ausserordentliche Stetigkeit gekenn- 
zeichnet ist, bietet ein Blick nach rückwärts ein mannigfaltiges Bild. Allerdings hielten einmal 
herrschende Ideen lange vor, bis man sie als erschöpft, als nicht mehr umbildungsfähig aufgab. 
Wenn man eine der architektonisch interessanten älteren deutschen Städte, die sich als vielgestaltiges 
architektonisches Bild der Erinnerung eingeprägt haben, näher untersucht, so findet sich, dass alle Gebäude, 
die in einer Spanne von ungefähr dreissig Jahren entstanden sind, in den grossen Zügen fast nach 
einem Schema gebaut sind, und trotzdem erscheint uns jedes derselben als ein Individuum für sich, 
weil die Einzelheiten, allerdings im Rahmen eines sicheren Stilgefühls, in unendlicher Mannigfaltig- 
keit variieren. Kaum wird alles das, was wir heute als meistermässige Werke betrachten, von hervor- 
ragenden Künstlern gemacht sein. Das handwerkliche Element spielte eine Rolle, von der wir uns 
bei den heutigen Verhältnissen kaum einen Begriff machen können. Das Niveau der Zeit, oder 
vielmehr der die Zeit beherrschende formale Typus stand so hoch, dass absolut Schlechtes nicht 
entstehen konnte; die handwerkliche Tüchtigkeit war so gross, dass sie selbst den einfachsten Dingen, 
wenn ihnen der Schmuck fehlte, durch werk- und materialgerechte Ausführung den Stempel der 
Gediegenheit aufdrückte. 
Für die Baukunst unserer Tage dürfen wir dieses Lob nicht ohne weiteres in Anspruch 
nehmen. Um das Durchschnittsniveau der baulichen Leistungen zu finden, sind nicht die Werke in 
Betracht zu ziehen, die von hervorragenden Baukünstlern erstellt sind, sondern die grosse Zahl von 
Alltagsleistungen, die in den Aussenbezirken grösserer Städte, in kleineren Orten und auf dem Land 
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