Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Jahrbuch der bildenden Kunst
Person:
Martersteig, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-828796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3777141
Musenmswesen und Kunstförderung 
erst bleibende Stätten schaffen wird. Hingegen verdient der 
Neubau des Provinzialmuseums in Hannover, das für 
lange Zeit mit den jetzt geschaffenen Verhältnissen aus- 
kommen soll, in mehr als einer Hinsicht Beachtung. Denn 
hier war die gewiss nicht leichte Aufgabe zu lösen, für 
Sammlungen der verschiedensten Art, kunstgeschichtliche, 
numismatische, ethnographische, prähistorische und natur- 
wissenschaftliche, unter einem Dache gleichmässig guten 
Raum zu schaffen. Ganz ist man dieser Forderung nicht 
gerecht geworden. Denn die ethnographische und prähisto- 
rische Abteilung ist in dem untersten, weniger gut be- 
leuchteten Stockwerk untergebracht, das doch bei Neubauten 
für die Magazine, Werkstätten u. dgl. zweckmässigerweise 
eingerichtet zu werden pflegt. Auch in Hannover hatte man 
wohl zuerst, wie die Anlage es vermuten lässt, an diese Be- 
stimmung gedacht und sich erst dann entschlossen, einen 
Teil der Sammlungen dorthin zu verlegen, als die durch den 
Aussenbau allzu sehr in Anspruch genommenen Mittel zu 
dieser Einschränkung zwangen. So ist denn von Anfang an 
das Museum vor die quälende Frage der Raumnot gestellt, 
die vermieden werden konnte, wenn man das Gebäude mehr 
von innen nach aussen als umgekehrt gebaut hätte. Das als 
Bau mustergültige Bayerische Nationalmuseum zu 
München und das Pergamon-Museum zu Berlin hätten 
hier die besten Lehren geben können. Nicht um einen Neu- 
bau, sondern um eine bedeutende Erweiterung handelte es 
sich bei der Kunsthalle in Bremen. Acht Oberlicht- und 
vier Seitenlichträume sind in glücklichsterWeise mit dem schon 
Vorhandenen verschmolzen worden. Bei der Ausstattung 
des Inneren wurde der Farbe die doppelte Aufgabe zu- 
gewiesen, die Räume sowohl an und für sich zu schmücken 
als auch für die ausgestellten Gegenstände die geschmackvoll 
abgestimmte Umgebung zu bilden, meines Erachtens die 
verständigste Art der Dekoration, die für das Innere eines 
Museums in Betracht kommen kann, wenn nicht sogar die 
einzig mögliche, da nur so den ausgestellten Gegenständen 
keine Konkurrenz erwächst. Dass übrigens in der Bremer 
Kunsthalle ein reifer Geschmack herrscht, beweist, was hier 
nebenbei gesagt sein möge, auch der Versuch, den Gips- 
abgüssen mit einer den Originalen entsprechenden, von 
einem geschickten Meister ausgeführten Tönung die Stumpf- 
heit der Formen und die ermüdende Gleichmässigkeit zu 
nehmen. 
Mit den letzten Bemerkungen bin ich bereits auf die 
innere Einrichtung und Verwaltung der Museen zu sprechen 
gekommen. Der gebotenen Gedrängtheit dieses Berichts 
entsprechend mag nur das Wichtigste erwähnt und zuerst 
ein Museum, in dem eine gründliche Reform besonders 
not tat, betrachtet werden: die Kgl. Gemäldegalerie 
zu Stuttgart. Wer sie bisher besuchte, konnte zum Studium 
der Bilder nur mit Schwierigkeiten, zu einem unbeein- 
trächtigten Genuss überhaupt nicht kommen. Denn schlimme 
Übermalungen und grosse Mängel fm Katalog schädigten 
das eine, und für den andern raubte die magazinartige Unter- 
bringung die nötige Stimmung. Ganz anders stellt sich 
heute die Galerie dem prüfenden Blick dar. Der Tiibinger 
Professor der Kunstwissenschaft Konrad Lange hat sie 
mit ebenso viel Energie als Geschmack in kurzer Zeit 
einer Wandlung unterzogen, die hoffentlich für die übrigen 
Stuttgarter Sammlungen recht bald vorbildliche Bedeutung 
bekommt. Pankok hat die Räume, die gut angebrachtes 
Oberlicht vortrefflich beleuchtet, mit ganz schlichten Mitteln 
ausgestattet, indem die Wände mit einfachen Stoffen bezogen, 
die Türbekleidungen zu ihnen im Farbenton gestimmt und 
die Decken hellfarbig gestrichen wurden. In diese Räume, 
deren Schmuck also allein auf einer massvollen Verwendung 
der Farbe beruht, hat Lange die Bilder aus früheren Jahr- 
hunderten nach nationalen, chronologischen und ästhetischen 
Gesichtspunkten verteilt; nach ästhetischen insofern, 
als einmal das Format der Bilder in ein rechtes Verhältnis 
zum Raum zu setzen versucht wurde, kleinere Bilder 
somit in die Seitenkabinette, grössere in die Säle zu hängen 
kamen, dann aber auch die Farbe der Wandbekleidung 
zu einer jeden Gruppe besonders gestimmt ward. Anders 
verfuhr Lange mit den Bildern des 19. Jahrhunderts und 
der Gegenwart. Hier wurde eine Scheidung in zwei Ab- 
teilungen vorgenommen, deren Trennungspunkt das Auf- 
kommen des Kolorismus ist. Während nun bei den Gemälden 
aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch annähernd 
dasselbe System der Aufstellung wie bei der älteren Kunst 
gewählt werden konnte, wurde bei denen der neueren und 
neuesten Zeit mit gutem Grund auf jede nationale und chrono- 
logische Anordnung verzichtet. Einzig darauf nahm man 
Bedacht, diejenigen Bilder zusammen zu hängen, die sich 
für denselben Hintergrund eignen, eine ebenso richtige 
als einfache Lösung einer wichtigen Frage. Natürlich hat 
ein Mann wie Lange Geschmack genug einzusehen, dass 
ein gelegentliches Durchbrechen dieses Systems einen Reiz 
mehr für die Aufstellung bedeutet. 
Diesen und ähnlichen Einrichtungen liegt die Erkenntnis 
zu Grunde, dass ein Museum nicht nur ein Sammelinstitut, 
sondern in erster Linie eine Anstalt ist, in welcher der 
Geschmack ausgebildet und eine Belehrung gewonnen 
werden soll, die nicht nur dem Denken, sondern auch dem 
Fühlen zu gute kommt. Ich glaube, in diesem Sinne ist 
auch der Vorschlag zu verstehen, den W. von Seidlitz in 
einem "Rück- und Ausblick" macht, den er den Kgl. Säch- 
sischen Sammlungen in der Wochenschrift "Vaterland" 
(1902, N0. 17, in den wichtigsten Teilen wiederabgedruckt 
in der Kunstchronik 1901102, No. 29) widmet. Von der 
Überzeugung ausgehend, dass der heutige, aus wissenschaft- 
licher Systematik erwachsene Zustand der Museen den Be- 
sucher eher verwirrt als fördert, schlägt er eine Trennung 
der Sammlungen in zwei Abteilungen vor. Die eine soll 
eine Schausammlung sein, die den Wunsch des Publikums 
nach genussreicher Belehrung dadurch zu erfüllen hat, dass 
sie aus allen Gebieten der Kunst das Beste in sorgsamster 
Auswahl und geschmackvoller Aufstellung bietet. Damit 
wird von vornherein jedem Zuviel vorgebeugt. Wird nun 
aber auch noch davon abgesehen, dass nur Gegenstände 
einer einzigen Kunstgattung in einem Raume vereinigt 
werden, sondern stellt man die verschiedenartigen Kunst- 
werke einer Zeit und unter Umständen auch eines Landes zu 
einem in sich geschlossenen Kulturbild zusammen, d. h. scheut 
man sich z. B. nicht, neben deutschen Bildern des 16. Jahr- 
hunderts Kupierstiche und Holzschnitte Dürers und seiner 
Nachfolger, deutsche Holzschnitzereien, Goldschmiedearbeitem 
Waffen u. dgl. mehr aus derselben Zeit nebeneinander in 
einem Saale zu vereinigen, so wird dann auch jeder Gegen- 
stand als aus dem Geiste seiner Zeit geboren erst recht an- 
schaulich und klar verstanden werden können. im Münchner 
Nationalmuseum hat man ja etwas Ähnliches angestrebt, 
aber weder die Auswahl, die sich viel zu wenig zu beschränken 
wusste, noch die Aufstellung, die den bedenklichen Fehler 
machte, mit den Gegenständen zu dekorieren, hat das 
Ziel auch nur annähernd erreichen lassen. Dass eingehende 
gedruckte Erläuterungen den Kunstwerken beizufügen sind, 
schon um das ermüdende und verstimmende Nachschlagen 
im Katalog zu beseitigen, ist selbstverständlich, aber mit Recht 
betont Seidlitz, dass erst das lebendige Wort die Gegen- 
stände den Besuchern recht nahe bringen kann. Deshalb 
schlägt er Führungen vor, die von hilfsbereiten Kunst-
        

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