Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Jahrbuch der bildenden Kunst
Person:
Martersteig, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-828796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3777066
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Der Kaiser und die Kunst 
wieder aufzurichten. Uns, dem deutschen Volke, sind die grossen Ideale zu dauernden Gütern ge- 
worden, während sie anderen Völkern mehr oder weniger verloren gegangen sind. Es bleibt nur 
das deutsche Volk übrig, das an erster Stelle berufen ist, diese grossen Ideen zu hüten, zu pflegen 
und fortzusetzen, und zu diesen Idealen gehört, dass wir den arbeitenden und sich abmühenden 
Klassen die Möglichkeit geben, sich an dem Schönen zu erfreuen und sich aus ihren sonstigen 
Gedankenkreisen heraus- und emporzuarbeiten. Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, 
weiter nichts tut, als das Elend noch scheusslicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt 
sie sich damit am deutschen Volke. Die Pflege der Ideale ist zugleich die grösste Kulturarbeit, und 
wenn wir hierin den anderen Völkern ein Muster sein und bleiben wollen, so muss das ganze Volk 
daran mitarbeiten, und soll die Kultur ihre Aufgabe voll erfüllen, dann muss sie bis in die untersten 
Schichten des Volkes hindurchgedrungen sein. Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu 
bietet, wenn sie erhebt, statt dass sie in den Rinnstein niedersteigt! Ich empfinde es als Landesherr 
manchmal recht bitter, dass die Kunst in ihren Meistern nicht energisch genug gegen solche Richtungen 
Front macht. Ich verkenne keinen Augenblick, dass mancher strebsame Charakter unter denjenigen 
Anhängern dieser Richtungen ist, der vielleicht von bester Absicht erfüllt ist; er befindet sich aber 
doch auf falschem Wege. Der rechte Künstler bedarf keiner Marktschreierei, keiner Presse, keiner 
Konnexion. Ich glaube nicht, dass ihre grossen Vorbilder auf dem Gebiete der Meisterschaft weder 
im alten Griechenland, noch in Italien, noch in der Renaissancezeit je zu der Reklame, wie sie jetzt 
durch die Presse vielfach geübt wird, gegriffen haben, um ihre Ideen besonders in den Vordergrund 
zu rücken. Sie haben gewirkt, wie Gott es ihnen eingab, im übrigen haben sie die Leute reden 
lassen. Und so muss auch ein ehrlicher, rechter Künstler handeln. Die Kunst, die zur Reklame 
heruntersteigt, ist keine Kunst mehr, und mag sie hundert- und tausendmal gepriesen werden. Das 
Gefühl für das, was hässlich oder schön ist, hat jeder Mensch, mag er noch so einfach sein, und 
dieses Gefühl weiter im Volke zu pflegen, dazu brauche ich Sie alle, und dass Sie in der Sieges- 
Allee ein Stück solcher Arbeit geleistet haben, dafür danke ich Ihnen ganz besonders."  Den Schluss 
bildete ein Wunsch für das fernere Gedeihen der deutschen Kunst. 
Am 25. Januar äusserte der Kaiser unter anderem: „Was die schweren Prüfungsjahre, 
die in den letzten Jahrhunderten über unser Volk und Vaterland dahingestürmt sind, zerstört und 
unserem Volke genommen haben, das sollte diese Anstalt (das Kunstgewerbe-Museum) wieder in das 
Volk hineintragen. Die köstlichen Sammlungen, die hier aufgestellt sind, zeugen von der Kunst und 
der Liebe zur Kunst und von dem Verständnis für dieselbe bei unseren Vorvätern, und ich meine, 
dass die Aufgabe dieser Anstalten nie besser im Sinne meiner Eltern durchgeführt werden kann, als 
wenn dieses Gefühl für die Kunst in dem Volke wieder lebhaft angeregt wird, so zwar, dass kein Gegen- 
stand in Gebrauch genommen wird, der nicht einer künstlerischen Form sich erfreut, und dass die 
künstlerische Form sich stets wieder anlehnt an das bewährte Schöne, was uns aus früheren Jahr- 
hunderten überliefert ist. Denn das liegt in dem Gefühl und in dem Wesen eines jeden Menschen: 
was der Mensch einmal Schönes geschaffen hat, das bleibt für alle Jahrtausende schön, und wir, die 
wir nachfolgen, haben nur das Schöne festzuhalten und es unseren Lebensbedürfnissen anzupassen. 
Und das mögen sich auch die Schüler dieser Anstalt stets wieder vor Augen halten." Nach 
begeisterten Worten der Erinnerung, die er seinen erlauchten Eltern widmete, sagte dann der Kaiser: 
„Und so, wie ich es schon früher ausgesprochen habe, so sehe ich es auch als meine Aufgabe an, 
im Sinne meiner Eltern die Hand über meinem Volke, seiner heranwachsenden Generation zu halten, 
das Schöne in ihm zu pflegen, die Kunst in ihm zu entwickeln, aber nur in festen Bahnen und in 
fest gezogenen Grenzen, die in dem Gefühl für Schönheit und Harmonie im Menschen liegen." In 
einem Wunsch für das Gedeihen der Anstalt wie der deutschen Kunst klang auch diese Rede aus. 
Am 3. November fuhr der Kaiser, nachdem er den Direktoren seine Anerkennung gezollt, 
fort: „Wie ich es aber als eine der vornehmsten Pflichten des Herrschers ansehe, in seinen Landen 
die den Menschen veredelnde Kunst zu fördern und auf deren gesunde Entwickelung sein Augenmerk 
zu richten, und wie ich während meiner bisherigen Regierung stets darauf bedacht gewesen bin, 
dieser Pflicht gerecht zu werden, so kann ich auch die jetzige Gelegenheit nicht vorübergehen
        

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