Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Archiv für Buchgewerbe
Person:
Waldow, Alexander Deutscher Buchgewerbeverein
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-987295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4004960
 ARCHIV FÜR BUCHGEWERBE  
Bewegen sich diese Werke in sehr großem Format, 
das Bodoni für seine Bücher nach 1800 überhaupt 
bevorzugt, so nennen wir aus den achtziger Jahren 
eine Anzahl Drucke unser eigen, die im Umfang ziem- 
lich unbedeutend sind und auch sonst dem bekannten 
Bodoni-Typus recht wenig entsprechen. Aus dem 
Jahre 1783 stammen zwei Bücher: Le ville Lucchesi 
con altri opuscoli in versi ed in prosa di Filandro 
Cretense (Parma stamperia reale) und: Gestorum ab 
episcopis Salutiensibus äVGKGQJOtÄGlLUÜIQ von Joseph 
Joachim Lovera (Ex regio typographeio), die genau mit 
derselben einfachen Ornamentumrahmung auf allen 
Seiten versehen sind; ebenso sind auch die Seiten- 
zahlen in gleicher Weise etwas allzu aufdringlich 
durch gegossenes Schmuckmaterial hervorgehoben. 
Das zweite genannte Buch enthält auch einige Kupfer- 
stiche von Cagnoni. Noch hübscher mit einer nied- 
lichenkleinen Antiquagedruckt istein kleiner Gedicht- 
band im Almanachformat vom Jahre 1788, der sich 
betitelt: Saggio di poesie campestri del cavalier Pin- 
demonte, Parma, della reale Stamperia. Noch 1804 
ist ein ähnliches kleines Buch mit ganz dünnen und 
dann wieder dicken breiten Auszeichnungsschriften 
erschienen, ferner besitzen wir Werke in demselben 
Stil in einem Buch mit herausgerissenem Titel: Epi- 
grammi, mit einem Graf Carlo Roncalli in Brescia 
als Autor und in dem Werk: Saggio di poesie del 
marchese Ubertino Lando (Stamperia reale 1794). 
Den Typus des frühen mit klassizistischen Orna- 
menten und Initialen geschmückten Bodoni-Druckes 
verkörpert ziemlich rein das Buch: Prose e versi 
per onorare la memoria di Livia Doria Caraffa, Parma, 
della reale typographia 1793, dessen Schmuckstücke 
von den Zeichnern Fichietti und Lucatelli und von 
den Stechern Raphael Morghen und C. Dall Aqua 
herrühren. Eine griechische, den späteren Schnitten 
sehr ähnliche Type führt uns das Werk vor: Aowou 
notuevixüiv TLÜV Kozrd Aötqaviv Kai Xkönv ßißltot Tärrotpeg 
cum proloquio} de libris eroticis antiquorum, ex regio 
typographeio 11786. In einem lateinischen Musterdruck 
vom Jahre 17193, den unsre Bibliothek besitzt, be- 
titelt: De imitatione Christi, in aedibus palatinis, typis 
Bodonianis, tritt uns dann das großformatige Pracht- 
werk, das ausschließlich durch das Papier und die 
Größe wirken will, entgegen, wie es mit dem Namen 
Bodoni besonders eng verknüpft ist. Ein zweibändiges 
kleineres Werk: Songe die Poliphile parJ.G.Legrand, 
Bodoni 1811 gibt nur eine Abwandlung dieses Typus, 
dessen charakteristische Eigenschaften sich auch 
wieder klar in dem großen dreibändigen Racine aus- 
sprechen, den Bodoni 1813 gedruckt hat „par ordre 
de sa M. Joachim Napoleon, roi des deux Siciles pour 
PinstructiondesontilsaineleprinceAchilleNapoleon". 
Also eine offene Nachahmung der Collection des 
auteurs classiques, die Didot aine unternommen hatte, 
wodurch offenbar die kaiserliche Familie beweisen 
wollte, daß sie sich sehr wohl bewußt war, welch hohe 
kulturelle Aufgaben sie als Erbe der französischen 
Könige zu erfüllen hatte. Bodoni ließ keine Gelegenheit 
ungenutzt, um sich bei dem allmächtigen Herrscher 
Napoleon und seiner Familie in Gunst zu setzen: er 
spricht gerne von dem amateur de l'art typographique 
und hat auch Napoleon seine große dreibändige 
Homerausgabe (Abbildung 2) gewidmet, die 1808 er- 
schienen ist. Wie bei den lateinischen Prachtwerken, 
so wirkt auch hier die griechische Type höchst mo- 
numental und äußerst korrekt, der Druck ist klar, das 
Papier weiß und dick, am Rand ist nicht gespart, stets 
ist darauf gesehen, daß die Ränder zueinander in 
einem harmonischen Verhältnis stehen. Aber trotz 
aller dieser Vorzüge tragen diese Werke doch alle 
Zeichen eines Verfalls an sich, den die Zeit mit- 
bedingt hat. Sie waren die gewaltigen Anstrengungen 
einer Kunst, die in denletzten Zügen liegt. Die Kursiv- 
schriften z. B., die Bodoni gerne zu den Einleitungen 
verwendet, sind mit allerlei schnörkelhaften Elemen- 
ten versehen, die wie eine Vorahnung der schlechten 
Schriften aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wirken, 
und auch sonst kann man sich der Einsicht nicht ver- 
schließen, daß die allzu deutlich sichtbar gemachte 
Korrektheit die Spuren der Langeweile an sich trägt, 
in die die spätere Generation unrettbar versunken ist. 
Die englische Druckkunst der Zeit gibt zu ähnlichen 
Bemerkungen Anlaß, wenn sie auch viel mehr frische 
Kraftinsneuejahrhundert hinübergerettethat. Bodoni 
scheint selbst von der Anglomanie des 18. jahrhun- 
derts angesteckt gewesen zu sein, daher finden wir 
viele Ähnlichkeiten seinerWerke mit denenEnglands. 
Wir besitzen eine große Vergilausgabe: Publii Vir- 
gilii Maronis Bucolica, Georgica et Aeneis, ex edi- 
tione Petri Burmanni, Glasgow, in aedibus acade- 
micis excudebat Andreas Foulis, academiae typogra- 
phus 1778, die sehr schön mit einer großen Antiqua 
gedruckt ist. Interessant ist an ihr auch der Titel, 
der mit ganz weit auseinander gezogenen Buchstaben 
gesetzt ist,wie es von Bodoni nicht in dem Maße ange- 
wandt wurde. Typographisch von hohem Interesse ist 
dann endlich auch ein andrer in England ausgeführter 
Druck: Novelle otto stampate a spese dei Signori 
Giacomo Conte di Clambrassill, Tomaso Stanley e 
Wogan Browne, Londra, da Giacomo Edwards 1790 
(Abbildung 3), der nur in 25 Abzügen ausgegeben 
wurde. Er zeichnet sich durch abnorm breite Ränder 
aus, die viel breiter sind als der Satzspiegel, alsType 
ist eine kleine klare Antiqua und eine Kursiv verwen- 
det; merkwürdig ist, daß sich keine Seitenzahlen 
finden, und  auch in der Inhaltsangabe  allein die 
Signaturen der Bogen die Orientierung vermitteln. Für 
die Überschriften ist Versalsatz angewandt, meist im 
Zeilenfall etwas im Stil deralten italienischen Drucker. 
Es erweist sich, daß hier manches vorgeahnt ist, was 
Morris später weiter ausgebaut hat. bnSchinnerer. 
193
        

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