Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Archiv für Buchgewerbe
Person:
Waldow, Alexander Deutscher Buchgewerbeverein
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-981597
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3989411
 
 
ARCHIV FÜR BUCHGEWERBE z 
 
 
die reichen Amerikaner in London ihre Bücherschätze 
binden lassen, so lange steht der geschmackvolle 
deutsche Bibliophile vorder peinlichenWahlzwischen 
dem künstlerischen Verlegereinband und dem zweifel- 
haften Kunstbuchbinderwerk. So lange auch werden 
ihre Klagen nicht verstummen können, wird ihr Rin- 
gen mit der Großbinderei eine stete soziale Mahnung 
für jeden wahren Kunstfreund bleiben. 
IV. Die Form ein Niederschlag der Zeitanforderungen. 
In jedem Punkte des Verlaufes, den die Entwick- 
lung der modernen Buchausstattung nehmen mußte, 
ließ sich die wirtschaftliche Perspektive aufzeigen. 
Das gebieterische Verlangen des Marktes setzt Hirne 
und Hände in Bewegung. Ja, man möchte geradezu 
von einer tieferen Gesetzlichkeit reden  auch bei 
den kleinsten Teilen, für die der Nachweis im einzel- 
nen nicht erbracht zu werden brauchte. Der bedäch- 
tige Geschäftsmann pflegt sich nicht an willkürliche 
Neuerungsversuche zu verplempern. Überflüssige 
Wagnisse zu suchen, ist nicht eben seine Sache. Im 
Gegenteil, er wird wohl immer auf Stetigkeit der 
Produktion dringen. Und hat er eine brauchbare 
Form gefunden, so wäre er leichtsinnig, sie ohne 
Notwendigkeit aufzugeben. 
Sein Ideal wäre es wohl, ihr eine dauernde Ab- 
satzfähigkeit zu erhalten. Ein unerreichbares Ideal. 
Denn das Verlangen der Abnehmer unterliegt Schwan- 
kungen, die durch bessere Einsicht oder wechselnde 
Moden bedingt sind. Schwankungen, die im Bereich 
der Bücherkäufer aus Übersättigung mit dem unzu- 
länglichen Typus, aus der klaren Erkenntnis der Ge- 
ringwertigkeit, geschmacklicher Verfeinerung und 
erhöhten Anforderungen zu erklären sind. Überdies 
peitschen Technik und künstlerischer Gestaltergeist 
rastlos zu neuen Anstrengungen auf. Der Wett- 
bewerb läßt das kaum Vorstellbare in Wirklichkeit 
erstehen. Stillstand kann es nun einmal nicht geben 
und der Fortschritt zwingt sich durch gegen die Be- 
häbigen und Beharrlichen, die mitmiissen, mitver- 
dienen müssen. 
Gerade diejenigen, die sich mit der Herstellung 
und dem Vertrieb von Büchern befassen, brauchten 
nur historisch zu denken, um zu wissen, wie sehr 
die Ansprüche mit der Ausbreitung gewachsen sind. 
Immer war die äußere Form der Druckwerke ein Nie- 
derschlag der Anforderungen, die die Leser zu stellen 
vermochten. Es ist richtig, daß der künstlerische Geist 
stets einmal die Anregung gegeben, daß die Gestal- 
tung seiner Phantasie und Lust frei zu sein pflegt von 
jeglicher Rücksichtnahme auf den Marktbegehr. Er 
kennt nur die eine Absicht, ein Buch zu bereiten, 
schön und adelig, wie er es sich in einer glücklichen 
Stunde vorzustellen vermochte. Aber es ist keines- 
wegs notwendig, daß ein solches Werk aus der Sphäre 
der Liebhaberei in den Bereich des Warenumsatzes 
gelangt. Erst wenn der Handel ein Bedürfnis danach 
verspürt, wenn das wirtschaftliche Verlangen merk- 
bar geworden, tritt die neue Form entscheidend in 
den Entwicklungsgang ein. Und eine Geschichte der 
Bücherliebhaberei ist recht eigentlich eine Chronik 
der Opfer, die begeisterte Menschen der Druckerkunst 
darbrachten. 
Heute in der Zeit der Massenwerte, der Massen- 
erscheinungen und der Massenmenschen hat hier der 
Schwerpunkt eine Verschiebung erfahren. Breitere 
und tiefer stehende Volksschichten beherrschen und 
bestimmen das Getriebe. So ist die Ausstattungs- 
weise mehr als Synthese eines sozialen Verlangens 
zu bewerten. Doch diese Liebe zum Buch, wenn 
sie sich auch nicht so glanzvoll entfalten kann, ist 
nicht geringer. Die Kleinigkeiten, die sie für eine 
würdevolle Ausstattung aufzubringenbereit sind, sind 
höher einzuschätzen als die Mäzenatengaben des 
Überflusses. Der leidenschaftlichen Freude am In- 
halt, nicht am Äußerlichen muß alle Liebe zum 
schönen Buch entquellen  so sie nicht entarten soll 
zur kunstgewerblichen Tändelei. 
Vom Inhalt aus besehen, erkennt man schnell 
die Notwendigkeit, jeder Büchergattung und jedem 
Werk eine andre, die allein angemessene Form zu 
geben. jede Publikation stellt Voraussetzungen an 
ihre Leser. Sie verlangt ein bestimmtes Vorwissen, 
einen bestimmten Geschmacks- oder Bildungsgrad. 
Wie der Dichter, der sich an den Arbeiter wendet, 
eine andre Sprache reden wird als der plaudernde 
Unterhalter der eleganten Gesellschaft, so könnte 
man in der Ausstattung eine Uniform erblicken, die 
auf den erwarteten Leser zugeschnitten ist. Aus der 
Hand, die nach ihr greift, wäre sie zu verstehen. 
Immer dann wird sie vorzüglich sein  sowohl als 
bibliophile Luxusausgabe wie als billiges Volksbüch- 
lein  wenn der Besitzer, der die Ausführungen des 
Verfassers schätzt, sich ihrer freut, solange er das 
Werk überhaupt als Wert betrachten kann. 
Das Buch ist eine Zeiterscheinung. Form wie In- 
halt unterliegen den kulturellen und geschmacklichen 
Wandlungen. Den Erfolg wird immer der davon- 
tragen, der seiner Zeit zu genügen, ihr voranzu- 
schreiten versteht.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.