Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Archiv für Buchgewerbe
Person:
Waldow, Alexander Deutscher Buchgewerbeverein
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-981597
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3989388
 ARCHIV FÜR BUCHGEWERBE  
Die Gold- und Edelsteineinlagen seines Deckels wesen  auf den glücklichen Gedanken, dem bro- 
zeugen von einer Wertschätzung des literarischen schienen Buch einen Umschlag aus dünnem Karton 
Kernes, die der weltliche Autor bald einbüßte. Ehe zu geben. 
im 19. Jahrhundert der Eifer um Aufklärung und Damit hatte es eine erhöhte Festigkeit erhalten. 
Bildung den Bürger antrieb, sich umfängliche Biblio- DieNotwendigkeit, denBuchbinder denAnschaffungs- 
theken zuzulegen, blieb das Buch Einzelstück, das etat schmälern zu lassen, wurde weniger zwingend. 
nach reiflicher Erwägung und mit Bedacht angeschafft Manches ungebundene Buch läßt sich nun schon eine 
wurde. Als ständige Quelle der Anregung war es er- Weile benutzen und aufbewahren, ohne völlig aus 
standen. Also wurde es sorgsam hergerichtet, vom dem Leim zu gehen. Bei einer Verringerung der 
Buchbinder mit einem tüchtigen Einband versehen Gesamtkosten konnte die Freude am Bücherbesitz 
und nicht selten zur dauernden Augenfreude reich- um eine Kleinigkeit wachsen. Das hift den Absatz 
lich geziert. Der Verleger brauchte für den Umschlag mehren. 
keine besonderen Aufwendungen zu machen. Die Und auf den großen Absatz mußten die Verleger 
Schutzhülle wurde ja doch sofort vernichtet, wenn hinarbeitemnachdem die Flut der wöchentlichen Neu- 
das Buch gekauft, wenn es dem Binder überantwortet erscheinungen ins unermeßliche zu wachsen drohte. 
war. So konnte er sich damit begnügen, es in ein Buch um Buch wurde auf den Marktgeschleudert, alle 
dünnes blaues, gelbes oder grünes Papierfähnchen möglichen Autoren lechzten nach Gehör, Tausende 
zu kleiden  dünner noch wie etwa der rötliche und aber Tausende von Publikationen mußten ver- 
Umschlag der broschierten Reclambändchen. Daß trieben werden. Der Verleger konnte nicht mehr 
der Titelaufdruck nicht gerade eine typographische abwarten, bis die Käufer sich einstellten. Er mußte 
Glanzleistung war, ist einleuchtend. Das Ganze war alle Mittel der Reklame auszunutzen verstehen, um 
la nur als Provisorium gedacht und sollte bald- zu locken, zu werben, anzupreisen. Der neue Buch- 
möglichst unter den Händen des Buchbinders ver- deckel erwies sich bald als vorzügliche Gelegenheit, 
schwinden. Plakatsuggestionen hervorzurufen. Das Buch im Laden 
Die Interessen des einzelnen wuchsen in diesem oder Schaufenster sollte durch eine packende, deko- 
Jahrhundert der Erfindungen und Entdeckungen, der rative Deckelzeichnung sich selbst dem Auge ankün- 
Gesichtskreis erweiterte sich nach allen Richtungen. digen. Der flotte Farbenspektakel sollte den Blick 
Neue Fragen tauchen auf. Die unteren und unter- des Betrachters bannen und ablenken von den vielen 
Sten Volksschichten wollen teil haben am geistigen andern Erscheinungen, die daneben zum Verkauf 
Besitz. Der Bedarfan Lektüre stieg von Jahr zu Jahr. gestellt waren. Frankreich, das in den neunziger 
Familien, in denen einst Bibel und Kalender das Jahren eine so stattliche Reihe von Zeichnertalenten 
Lesebedürfnis vollauf befriedigten, erstanden auf ein- aufzuweisen hatte, war das Vaterland dieser vergäng- 
mal literarische, politische und populär-wissenschaft- lichen-Buchdeckelgraphik, die Albert Langen, der sich 
lißhe Werke aller Art. Die Bücherproduktion selbst zunächst ja ganz auf die Pariser Art eingestellt hatte, 
nahm einen immer gewaltigeren Umfang an. Die uns über den Rhein brachte. Seine Simplicissimus- 
Hüchschätzung des einzelnen Exemplares wurde in  
dem Maße geringer wie seine Bedeutung als Gesamt- und die andern versahen die kleinen Bändchen des 
eTSCheinung zunahm. Gleichgültige Publikationen, jungen Verlages mit geistvollen, nicht selten künst- 
die eine Tagesfrage behandelten, die über irgendeine lerisch bemerkenswertenUmschlagzeichnungen. Um- 
Zeiterscheinung unterrichten sollten, deren Wert nur schlagzeichnungen, die selbst wieder Sammelobjekte, 
Vorübergehend sein konnte,kaufte man, las man, legte wieder Anlaß zum Bücherkaufen wurden. 
man beiseite, ohne sie gerade wegwerfen zu wollen. Dieser Gedanke, durch ein packendes Bild zu 
Wie leicht konnte man sie späterhin noch einmal spannen, war einleuchtend. Die zweckvolle Reklame 
brauchen und anderseits war kaum anzunehmen, wog das Zeichnerhonorar auf. Um die Jahrhundert- 
daß die Anregungen, die sie zu geben hätten, einen wende war in den Buchhändlerfenstern das Anilin- 
kostspieligen Einband und eine dauernde Aufnahme farbengeschrei wilder als an den Plakatsäulen. Die 
111 die Bibliothek bezahlt machten. Sie blieben un- Zeichner,diedamals dasBuchinnere auch mit illustra- 
gebunden, blieben mit ihrer dürftigen Hülle einem tiven Schnörkeln versahen, hatten gute Tage  biS 
ungewissen Schicksal überlassen. Auch die Ersparnis der Überschwang auch hier den Rückschlag brachte. 
wurde ein weiterer Grund für den Verzicht auf den Das Publikum besaß in der Bücherei ein unge- 
Bllchbinder und den mehr pompösen als ansprechen- stümes Farbengekleckse, das nach der ersten Freude 
den Verlegereinband. Denn der kleine Mann, der der Überraschung zunächst langweilig, dann banal, 
auf dem Markt allmählich zum ausschlaggebenden schließlich abstoßendwurde. Die meisten der billigen 
Faktßf gewordenist,möchte sich immer wieder andre Buchdeckelkünstler waren ebenso geistlos wie un- 
und mehr Bücher anschaffen. So kam ein findiger fähig. DieLeistungen derunzulänglichenBegabungen 
Verlegefküpf  ich weiß nicht wer und wann es ge- wirken aber auf die Dauer immer abstoßender. Was 
19 3'
        

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