Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Archiv für Buchgewerbe
Person:
Waldow, Alexander Deutscher Buchgewerbeverein
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-981597
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3991545
 ARCHIV FÜR BUCI-IGEWERBE  
DerKiinstler, dem die Anordnung des Satzes und die 
dekorative Ausstattung anvertraut war, hat sich seiner 
Aufgabe mit ästhetischem Geschmack und äußerst dis- 
kreter Zuriickhaltungin allen schmückenden Zutaten 
unterzogen. Der einzige Schmuck nach Sütterlins 
Zeichnung sind die Überschriften der Bücher des Alten 
und Neuen Testamentes in rotgedruckten großen 
Versalien, die sich eng an die Schillerschen Typen 
anlehnen, und die schlichten roten Initialen bei den 
Anfängen der Kapitel, die mit kleineren offenen 
schwarzgedruckten Initialen bei den Sinnabschnitten 
innerhalb der Kapitel abwechseln. Außerdem hat der 
Künstler das kraftvolle Titelblatt kalligraphisch ge- 
schrieben und ihm das Lutherbild nach dem bekann- 
ten Holzschnitt Lucas Cranachs gegenübergestellt 
und diese beiden Titelseiten durch eine einfache 
Umrahmung zusammengeschlossen. 
Die Hauptsprüche und Weissagungen, die man in 
anderen Bibeln fett oder gesperrt zu drucken pflegt, 
sind hier viel wirksamer durch Rotdruck aus dem 
Text hervorgehoben. Wir kennen es ja aus den 
alten unvergleichlich schönen Bibeldrucken unsrer 
alten Meister, wie schön der schwarze Textsatz durch 
solchen Rotdruck markanter Stellen farbig belebt 
werden kann. 
Wie viel für die schöne Gesamtwirkung eines 
Buches auf ein gutes Druckpapier ankommt, das zeigt 
auch wieder bei dieser Bibel der Vergleich mit jeder 
beliebigen andern neueren Ausgabe. Die schönste 
Type, die geschmackvollste Satzanordnung verlieren 
ihre Wirkung, wenn schlechtes Papier zum Druck 
genommen wird. Darum darf man bei guten Drucken 
in erster Linie nicht an der Qualität des Papieres 
sparen wollen. Die Reichsdruckerei hat sich für 
diese Bibel von der bestens bekannten Papiermiihle 
 W. Zanders in Bergisch-Gladbach das Papier an- 
fertigen lassen, ein festes gelbliches Papier mit 
einem Wasserzeichen nach Sütterlins Zeichnung, das 
die Gesetzestafeln und das Kreuz als Symbole des 
Alten und Neuen Testamentes vereinigt. 
Sütterlin hat auch den Einband entworfen. Den 
Vorderdeckel schmückt in Goldpressung ein gut 
stilisierter Altarleuchter mit der Unterschrift: „Dein 
Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf 
meinem Wege." Die Reichsdruckerei hat die Ein- 
bände in verschiedenem Material ausgeführt, in 
dunkelblauem Moleskin, in einfachem und in feine- 
rem Leder mit grauem Schnitt oder Goldschnitt. Den- 
noch ist der Preis für das gebundene Exemplar, je 
nach der Ausführung des Einbands, nur auf 20 bis 
40 Mark bemessen wordemwährend das ungebundene 
Exemplar 12 Mark kostet. Im Hinblick auf die künst- 
lerische Ausstattung und die sehr sorgfältige und 
gediegene Ausführung des großen Foliobandes mit 
seinen 830 Seiten ist dieser Preis überraschend 
niedrig und wird die Anschaffung erleichtern. 
Wenn wir diese neue Bibel als Ganzes betrachten, 
so bietet sie uns nicht gerade eine große künstlerische 
Überraschung, sie ist keine Großtat neuer deutscher 
Buchkunst, sie ist sogar in ihrer schmucklosen Sach- 
lichkeit etwas nüchtern und trocken geworden, was 
wohl hauptsächlich daran liegen mag, daß die Schrift 
in so großem Grade nicht lebensvoll und saftig genug 
ist und Sütterlin sich gerade dieser von der Reichs- 
druckerei gewählten Schrift anpassen mußte,  aber 
trotz alledem: die Hauptsache ist, daß wir nun end- 
lich wieder eine gut gedruckte, geschmackvoll und 
würdig ausgestattete deutsche Bibel haben. Wir 
müssen sie jedenfalls dankbar begrüßen als ersten 
Versuch, die typographische Bibelausstattung künst- 
lerisch zu reformieren. Und wieviel dieser erste 
Versuch gegen die bisherige, landläufige, man darf 
ruhig sagen geschmacklose und charakterlose Druck- 
ausstattung unsrer Bibeln schon erreicht hat, ist im 
vorigen bereits gesagt worden. 
Wir wollen aber dabei nicht stehen bleiben, wir 
wollen vielmehr wünschen, daß diesem ersten Ver- 
suche sich bald andre anreihen mögen, für die den 
Druckern in derBehrens-Schrift und in der Neudeutsch 
und der Liturgisch von Hupp das schönste Material zur 
Verfügung steht. Wir brauchen ja immer neue 
Bibeln, besonders in kleineren Formaten, und für 
Satzanordnung und sonstige typographische Aus- 
stattung gibt es so unendlich viele Möglichkeiten. 
Wir müssen weiter streben, Bibeldrucke zu be- 
kommen, die den hohen Vorbildern unsrer Alt- 
meister der Buchdruckerkunst noch näher kommen, 
und dürfen nicht rasten, bis wir einmal wieder jene 
Vorbilder in ihrer typographischen Schönheit ganz 
erreichen. 
 
Aus den graphischen Vereinigungen 
Altenburg. In der Sitzung der Graphischen Vereinigung werden. ln den Vorstand wurden gewählt: A. Tragsdorf, 
am 24. März 1910 hielt Herr Ed. Ehrlich einen interessanten Vorsitzender; O. Graf, Schriftführer; A. Scholz, Kassierer; 
Vortrag über: Das grammatikalische und orthographische H. Reichardt, Sammlungsleiter; A. Müller und C. Uhlig, 
Gebiet unsrer Muttersprache.  Am 6. April fand die Ge- Beisitzer. Die Bedingungen für ein Preisausschreiben zur 
neralversammlung statt, in welcher seitens des Vorsitzen- Erlangung einer Johannisfestkarte wurden festgesetzt.  
den der Jahresbericht erstattet wurde. Er stellte eine er- Am 20. April sprach Herr A. Scholz über den Satz des 
freuliche Weiterentwicklung der Vereinigung fest, auch die Buchtitels. Eine reichhaltige Ausstellung aus der Praxis 
Kassenverhältnisse dürfen als befriedigende bezeichnet entlehnter Titel unterstützte den Vortrag in lehrreicher 
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