Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst auf dem Lande
Person:
Sohnrey, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-825343
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-828020
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O. Schwindrazheim: Tracht und Schmuck. 
da der Entwicklung Spielraum und wahren doch Wichtiges! Teilen wir die alte Tracht 
auch insofern, als wir Teile, die noch hergestellt werden können, trennen von solchen, 
die absolut nicht mehr zu kaufen oder herzustellen sind; wir können ja versuchen, die 
Fabrikation anznregen, dem ähnliches zu schaffen, gelingt"s nicht, so ersehen wir-"s durch 
anderes. Teilen wir endlich die alte Tracht auch insofern, als wir in ihren Zier- 
einzelheiten das mit der heutigen gesamten Kunstrichtung parallel Laufende trennen von 
dem ihr nicht Entsprechenden. Altertiimeln wir nicht! Künsteln wir nicht! Romantisieren 
wir ni t! 
TEilen wir auch die Feinde, 11m sie unschädlich zu machen. Bekän1pfen wir nicht 
die gesamte Stadtmode, sondern nur das, was schlecht in ihr ist! Bekämpfen wir nicht alles 
Bewundern der Stadt seitens des Bauern, sondern sorgen wir, daß er in der Stadt 
wirklich Vorbildliches zu sehen bekommt! Bekämpfen wir nicht die Schneider, die Händler 
der Stadt, die ihm seine Tracht jeHt liefern, veranlassen wir sie, ihm Gutes zu liefern, 
wie sie dem Sportsman, dem Reifenden Gutes liefern. Bekämpfen wir nicht den un- 
aufhaltsamen Fortschritt, lenken wir ihn zum Guten! Befehden wir nicht unnötig die 
Kritiker, die zwar die alte Bauerntracht loben, aber ihre Fortexistenz bezweifeln, lernen 
wir von dem, was sie loben, wie von dem, was sie warnend hervorheben  sie hindern 
aufs beste die sehr gefährliche Überstürzung, die überkünstlichen Wege! 
Und nun, was kann auf dem Lande selbst geschehen? 
Zunächst: Feststellung der alten Tracht in ihrer Schönheit, Symbolik, Technik, Ge- 
schichte. Sammeln, Erhalten des nicht mehr Getragenen, aber noch Vorhandenen. 
Alsdann: Versuche, ihre unbefangene, gerechte Wertschätzung zu erzielen durch Ver- 
gleich mit guten und schlechten (in Stoff, Farbe, Form) Stadttrachten, Erhaltung der 
Kenntnis der Technik und des Schnittes der alten Tracht. Ermunterung derjenigen, die 
bei alter Tracht bleiben wollen. Versuche, bei den andern zu retten, was zu retten ist, 
indem man Fortenttvicklungswege weist, die das wertvolle Alte in Form, Farbe, Einzel- 
heiten möglichst beibehalten oder weiterbilden. Stärkung des Sinnes für das Praktische, 
Solide, für das tatsächlich Geschmackoolle, für die Empfindung des Unschönen. Stärkung 
des Feingefiihls, das die alte Tracht in bezug auf ihre Anpassung an Feste, Trauer, 
Stimtnungen aufwies. Erhaltung oder Erweckung der Freude der Frauen an eigener 
Mitarbeit in der Ausschn1ückung der Tracht unter Pflege der alten guten Techniken, 
unter Beibehaltung des Guten und zugleich noch Zeitgemc"ißen in den alten Mustern, 
gegebenenfalls selbständiger Ersatz, unter Heranziehung der Natur als Formenvorbild, 
nicht der Jugendstilmnster der Stadt. 
Im allgemeinen Hebung des geistigen nnd seelischen Lebens auf dem Lande. Er- 
haltung von Heiniatsliebe, Vaterlandsliebe (deutsche und Ortsgesc)ichte, Hein1atskunde, Sagen 
und Märchen, Pietät gegen das Althein1ische u. dgl.), Vo11 Standesgefühl und Selbständig- 
keitsgefühl. Förderung der Naturliebe, der Beschäftigung mit der Natur. Förderung 
des Schönheitssinnes und Kunstsinnes in Hausbau, Mobiliar, Hausfleiß. Pflege alter, 
volkstiimlicher Sitten und Gebrauche, Spiele und Feste. Pflege des Volksdialekts. Pflege 
des Gesanges und der Musik überhaupt. Sorge für gute Unterhaltung: Dorfbibliotheken, 
Unterhaltungsabende, Liebhabertheater, gute Zeitungen u. s. f. 
Und den Erfolg befehlen wir Gott und unserer gesunden Volksseele! Jst sie, wie 
wir glauben, in unseren Bestrebungen, so werden sie so oder so gelingen! Jst sie"s 
nicht  der Fall ist aber nicht denkbar, denn die große Bewegung, von der das wieder- 
erwachte Interesse auch für die alte deutsche Bauerntracht ein Teil ist, ist zu groß, als 
daß sie etwas der Volksseele Widersprechendes sein sollte!  aber ist sie wenigstens 
nicht so ganz identisch mit unsern Wünschen, unserm Vorgehen, nun, dann ist doch das 
gewiß: ein Stück Volksseele ist darin, und das bürgt dafür, daß unsere Bewegung zur 
Zukunft unserer Volkstrachten  ich sage diesmal absichtlich Volkstrachtcu, weil ich nicht 
allein an die Bauerntracht denke  Positives beitragen wird!
        

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