Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Weimarische Beiträge zur Literatur und Kunst
Person:
Brüger, K. Dingelstedt, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-820012
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3804023
.ein Jenaer Ratl)swachtmeister und Poet. 
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Ergüssen voll großer Sinnigkeit, Zartheit und -poetischer Wahrheit 
offenbart hat, und ich glaube, keine ganz undankbare und von vorn- 
herein verwerfliche Aufgabe mir gestellt zu haben, wenn ich am heu- 
tigen Abende versuche, das- Andenken an Wilhelm Treunert, 
den Jenaer Rathswachtineister und Poeten, bei denen, die ihn per- 
lich oder aus seinen Dichtungen kennen gelernt haben, aufzufrischen 
und die Aufmerksamkeit derer auf ihn hinzulenken, die heute vielleicht 
zum ersten Male seinen Namen nennen hören. 
Lessing läßt den Maler Co1tti an seinen fürstlichen Mäcen die 
Frage richten: ,,Meinen Sie, Prinz, daß Raphael nicht das größte 
malerisehe Genie gewesen wäre, wenn er ungliicklicher Weise ohne 
Hände wäre geboren worden?" Ein malerischeS Genie freilich, aber 
darum noch kein Maler! Und die Hände, mit denen Raphael glücklicher 
weise geboren war, sind es nicht allein gewesen, welche das 
größte malerische Genie auch zum größten Maler gemacht haben. 
Die äußeren tsebensverhiiltnisse mußten die Entfaltung nnd Aus- 
bildung der vorhandenen Natnranlage begiinstigen. Die Triebkraft 
steckt freilich in dem Pslanzent"eiiue; wenn aber aus ihm der schar- 
tende, friichtespendende, die gefiederten Sänger des Waldes in seinen 
Zweigen beherbergende Baum erwachsen soll, so muß das Samen- 
tot-n in den geeigneten Boden fallen, die zarte Pflanze vor den 
schädigenden Einflüssen der Witterung geschützt sein, Sonnenlicht und 
Gewitterregen müssen in entsprechendem Wechsel ihr Wachsthum 
befördern. Nicht anders ist es mit der Kunst; nur die Anlage wird 
geboren, nicht der Künstler, der Dichter. Das Talent muß durch 
die Wissenschaft genährt werden, um zum rechten Gebrauche seiner 
Kräfte zu gelangen. Sind in den Lebensverhältnissen, in denen es 
in die Welt tritt und in ihr aufwächst, die Bedingungen hierzu nicht 
gegeben, so wird es verkünnnern, mindestens doch nicht zu jener 
Blüthe sich entfalten, die ihm im Keime bestimmt war. Sicherlich 
hat schon in mancher Tagelöhnerhütte oder Handwerkerstube die 
Wiege eines Kindes gestanden, das der Genins der Dichtkunst bei 
der Geburt mit seinen reichsten Gaben beschenkt hatte, aber sie blieben 
ungenutzt und unenttvickelt, ein vergrabenes3i Pfund, weil ein widriges 
Lebensschicksal ihre rechte Aus-bentung und entsprechende Verwendung 
nicht zuließ- Und der Mann, der, unter einem glüeklicheren Sterne
        

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