Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Entdeckung des Volks der Zimmerleute
Person:
Weiss, Eugen
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-752344
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3874690
srüher gab es keine Aborte auf den Zimmerplägen, und da wurde es nun 
als ungeziemend festgestellt, gewiss e leichte Ges chäftchen in nächster Nähe 
der A:-beitstelle zu verrichten. Kein Zimmermann kann es heute noch 
leiden, wenn man da in den Werksax-, hineinsteht, oder gar das Holz in 
Mitleidenschaft zieht, trotzdem es diesem eigentlich gar nichts ansmachte, 
da es oft nicht nur naß, sondern auch schmutzig ist. Der Stift kriegt da 
Hiebe und erfährt, daß er eine ,,Drecksau" ist. Die fremden Zimmerleute 
aber schreiten gewichtig dreißig Schritte ab, und wenn diese allgemein 
menschliche Handlung unter diese Entfernung fällt, muß der 2lttentäter 
eine Liesel bezahlen. Jnsbesondre auf vorübergehenden Arbeitsstellen 
an Bauplät3en, oder bei Kundengeschäften, an Gartenzäunen usw. wird 
auf diese Weise manches Liter Bier gefunden, weil da keiner so lei(ht 
an diese Regel denkt, die hier auch ihren eigentlichen Sinn verliert. Aber 
trotzdem, was näher als dreißig Schritte von der Stelle liegt, wo man 
gerade schafft, kostet einen Liter! 
Das Heraus-Flocken im allgemeinen, eines Geldstücks für Bier nennen 
die Zimmerleute abreiben, und wenn sie heute die schöne und eintrag- 
reiche Kunst des Abreibens auch nicht mehr immer und überall mit Zunft 
und B:-auchtum einkleiden, so wird sie dafür um so eifriger mit List und 
Witz aus dem Stegreif geübt. 
Dazu gibt es besonders beim ,,Gebälklegen" und ,,Auffchlagen" Zeit 
und Gelegenheit. Es erscheint da z. B. beim Bau der neuen Kirche oder 
des Schulhaus es unternehmend der Herr Pfarrer auf dem Gerüst, wischt 
sich den Schweiß von der Stirn und sagt leutselig: ,,Aber heute machts 
warm, Zimmerleut! nicht wahr!" Schnell packt nun einer zu und dichter 
den zartesten Wink von oben in nüchternster Alltagssprache: ,,Jawohl, 
Herr Pfarrer, da haben Sie recht! Bei so einer Hig trocknet einem noch 
's Gebälk ein, net bloß der Verstand! Wenn"s nur auch ein klein bisle 
angene13t werden tät, dann tät"s gleich besser rutschen!" Da alle Zimmer- 
lenke lächeln, als habe ihr K"amerad den angenehmsten Witz gemacht, 
wird nach einigem Stut3en der Herr Pfarrer begreifen, und hoffent- 
lich wenigstens das Geld zu einem Doppelliter auf den nächsten Balken 
legen. Ia nicht in die Hand, die will hier nicht ges chmiert sein! 
Bei irgend welchen Verpflichteten oder Bekannten, z. B. dem Holz- 
händler, dem einstigen Beizer, dem früheren Kameraden gegenüber, 
lauten diese blumigen Ansprachen noch kürzer und deutlicher. Zum 
Beispiel:  Zimmern wär schon recht, wenn man nur keinen solchen 
Durst kriegen tät!" oder: -Lassen Sie auch ebbes fahren!" oder ganz 
unausweichbar: ,,Da leg einen sufzger hin!" 
III
        

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