Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Antoine Watteau
Person:
Rosenberg, Adolf Watteau, Antoine
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-731320
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3824005
Antoine Watteau. 
Damen, die galanten Feste im Freien, bei 
denen nur Venus und Apollo, der Gott 
des Saitenspiels, sehr selten Bacchus den 
Vorsih führen. Alteren Frauen und Männern 
hat Watteau den Zutritt zu seinen imagi: 
nären Salons unter freiem Himmel ver: 
schlossen. Wenn solche erscheinen, sind es 
nur herumwandernde Wahrsagerinnen und 
Arzte, die Watteau mit ebenso grimmigem 
Hasse verfolgte wie Moliere, weil ihre 
Kunst bei dem armen Schwindsüchtigen 
machtlos war. Es gibt nur drei oder vier 
Bilder Watteaus, deren Figuren sich in 
einem geschlossenen Raume bewegen. Man 
kann danach ermessen, wie sehr der Unglück: 
liche, der wie jeder Mensch seinen Teil am 
Lebensgenuß haben wollte und dennoch so: 
zusagen als Zaungast ans die reich besetg,te 
Tafel blicken mußte, nach Luft und Licht 
gerungen hat. 
Pierre Crozat besaß ein Landhaus, dessen 
früherer Besiher der berühmte Maler Chor: 
les Lebrun gewesen war. Obwohl er das 
Haus von dem Architekten Cartaud, dem 
Erbauer des Hotels in der Rue Richelieu, 
hatte erneuern und umgestalten lassen, waren 
die Gärten so geblieben, wie sie Lebrun 
nach seinen Plänen angelegt hatte. ,,Es 
waren nur Terrassen mit Ausblicken auf das 
Land, RasenpläZe, Springbrunnen mit Cas: 
caden und hier und da Balustraden und 
Säulengänge, zu denen Lebrun selbst die 
Zeichnungen angefertigt hatte.U Watteau 
war ein häufiger Besucher dieses Landha11ses, 
und in seinem Garten hat er viel studiert. 
Hier fand er den Hintergrund, die Um: 
gebung für seine Parkfeste, die er freilich 
sozusagen mit den Augen Tizians ansah, 
die er mit venetianischer Farbenglut erfüllte. 
Mariette bezeugt ausdrücklich, daß er das 
Motiv zu einer seiner Landschaften, die 
unter dem Namen ,,Die PerspektiveU ges 
ftochen ist, dem Crozatschen Park entlehnt 
hat. Er hat die Welt also nicht bloß in 
ihrem falschen Widerscheine auf der Bühne 
kennen gelernt, und seine Menschen sind auch 
keineswegs, wenn sie nicht als solche be: 
zeichnet sind, Koniödianten, sondern Herren 
und Damen aus den vornehmen Kreisen, 
in denen er bei Crozat und de Julienne 
verkehrte und die er nur in seine phan: 
tastischen Kostüme steckte. Oft genug blicken 
uns scharf ausgeprägte Porträtzüge aus dem 
Mummenschanz entgegen. 
Als eine der ersten Früchte dieser Um: 
Wandlung, die durch die Studien bei Crozat 
in Watteaus Schaffen vor sich gegangen ist 
und die ihn dann zu dem Genre geführt 
hat, dem er seinen unvergänglichen Ruhm 
in der Kunstgeschichte verdankt, haben wir 
das köstliche Bild im BesiHe des deutschen 
Kaisers zu nennen, das nach der Unter: 
schrift unter dem Stiche ,,Die friedvolle 
LiebeU CL7amour paisib1eJ CAbb. 52J 
heißt. Hier sehen wir zum erftenmale den 
eigentlichen Watteau vor uns, dem die Dur: 
stellung eines heiteren, unbefangenen Lebens: 
genufses inmitten einer anmutigen Natur, 
einer parkartigen Landschaft mit weitem 
Ausblick auf benachbarte Hügel nnd entfernte 
Wälder und Berge, durch die sich kleine 
Flüsse winden, als das oberste Ziel feiner 
Kunst gilt. Zu drei Liebespaaren hat sich 
als unu1ngänglich notwendiger Begleiter ein 
Lautenfpieler gesellt, der ein Liebesliedchen 
klimpert, bei dessen zärtlichen Klängen der 
hinter ihm im Grase lagernde Amoroso 
die kühle, noch halb versagende, aber auch 
schon halb geschmolzene Sprödigkeit seiner 
Dame völlig zu besiegen sucht. Das Paar 
im Vordergrunde links ist bereits miteinander 
einig geworden und schickt sich zu einem 
Spaziergange durch die lauschigen Waldes: 
gründe an, während zwischen dem. dritten 
Paar ebenfalls noch nicht völlige Uberein: 
stin1mung der Neigungen zu herrschen scheint. 
Aber das sind nur alles kleine, vorüber: 
gehende Koketterien, Reflexe jener Jntrig11en 
und Neckereien, die Watteau in der lustigen 
Pariser Gesellschaft unter der Agide des 
liebenswürdigen und geistreichen, aber fitten: 
losen und genußsüchtigen Regenten genügend 
beobachtet und in ihrer Richtigkeit kennen 
gelernt hatte. Die Menschen, die er in 
seine Paris, in seine Bosketts und auf seine 
Rasenflächen stellte, scheinen jeder niedrigen 
Leidenschaft, aber aucj jeder Sorge um die 
Zukunft entrückt zu sein. Und so läßt sich 
auch die galante Gesellschaft auf unserem 
Bilde in ihren Liebeleien nicht durch den 
Blick auf das Hochgericht stören, das aus 
der Mitte des Bildes, vielleicht sogar dicht 
vor dem einsamen Häuschen des Heu: 
kers, in die fonnige Landfchaft hineinragt. 
Nicht bloß in der Komposition und in den 
Typen zeigt sich der echte Watteau, sondern 
auch in der eigenartigen Behandlung der 
Gewänder, deren feine, knitterige Falten
        

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