Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Terborch und Jan Steen
Person:
Rosenberg, Adolf Borch, Gerard/ter Steen, Jan
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-729823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3825893
Gerard 
Terbnrrh. 
Don den holländischen Sittenmalern der 
,Bliitezeit, die ihre große Kunst gern 
auf kleinen Bildern zeigten, hat keiner in 
Deutschland eine so frühzeitige Popularität 
erlangt wie Gerard Terborch, den man frii: 
her in deutscher Umformung seines Namens 
anO Terbnrg nannte, nnd keiner hat sich 
vor dem verfeinerten Knnstgeschmack unserer 
Tage, der seine höchste Befriedigung i1n 
Genusse malerischer Reize sucht, mit glei: 
then Ehren behauptet wie er. In neuester 
Zeit, als der Sa1nmeleifer begann, als die 
großen, durch jahrhundertelangen Erwerb 
erwachsenen Privatgalerien ins Schwanken 
gerieten und ihre SchäHe auf den Kunst: 
markt bringen mußten, hat Terborch sogar 
zu dem Ruhme eines großen Genremalers 
noch den eines ebenso großen Porträtmalers 
gewonnen, den man bis dahin nur aus 
den Berichten seiner Zeitgenossen gekannt 
hatte. 
Einem feiner Meisterwerke hat kein 
Geringerer als Goethe ein kleines litte: 
rarifches Denkmal gesetzt, indem er einer 
novelIistisch zugespiHten Darstellung nach 
seiner Art eine Deutung zu geben versuchte. 
 handelt sich um das unter dem Namen 
,,die väterliche Ermahnung, bekannte Bild, 
das Goethe nicht im Original, sondern durch 
einen Stich von J. G. Wille, vielleicht schon 
im Hause seines Vaters kennen und lieben 
gelernt hatte. Schon Wille hatte seinen 
Stich nach dem von ihm benut;,ten Gemälde, 
das sich 1765, zur Zeit, wo es Wille repro: 
dnzierte, im Besik3e eines Herrn Peters, 
,,Malers des Herzogs Karl von Lothringen, 
Statthalters der Niederlande,tt befand, die 
    
geben, und Goethe spricht danach im zwei: 
ten Teile der ,,Wahlverwandtschasten,E wo 
von den lebenden Bildern die Rede ist, die 
Lueianen zu Gefallen arrangiert werden, 
Von der ,,s0gena11nten väterlichen Ermah: 
nnngU Terborchs. ,,Wer kennt nicht den 
herrlichen Kupferstich unseres Wille von 
diesem Gemiilde9 Einen Fuß über den an: 
deren geschlagen, sitzt ein edler ritterlicher 
Vater nnd scheint seiner vor ihm stehenden 
Tochter ins Gewissen zu reden. Diese, eine 
herrliche Gestalt, in faltenreichem, weißem 
Atlaskleide, wird zwar nur von hinten gese: 
hen, aber ihr ganzes Wesen scheint anzudeu: 
ten, daß sie sich zusa1nmennimmt. Daß je: 
doc; die Ermahnung nicht heftig und be: 
schämend sei, sieht man aus der Miene nnd 
Gebärde des Vaters,und was die Mutter be: 
trifft, so scheint diese eine kleine Verlegenheit 
zu verbergen, indem sie in ein Glas Wein 
blickt, das sie eben anszuschlürfen im Be: 
griff ist.U Wenn wir später diese ,,väter: 
liche ErmahnungU im Zusammenhang mit 
den gleichartigen Sittenbildern des Künstlers 
betrachten werden, werden wir sehen, wie 
weit uns er großer Dichter mit seiner geistvollen 
Erklärung am Ziele vorbeigeschossen hat. 
Immerhin ist seine Erwähnung des 
Vildes ein Zeichen für die HoOschätg,ung, 
die man n1n die Wende des XVIII. Jahr: 
hnnderts, also in der Zeit des aufstreben: 
den Klassizis1nns, den vornehmen Schöp: 
fangen des Niederländers entgegenbrachte, 
und seine künstlerische Persönlichkeit ist denn 
auch über allen Wandlungen des Kunstge: 
schmacks lebendig geblieben bis in unsere 
Zeit, der ein glücklicher Zufall auch einen 
Einblick in sein Werden und Wachfen, in 
die erste Zeit seines Lebens und Schaffens 
unter der Obhut eines zärtlichen Vaters 
ils
        

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