Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tiepolo
Person:
Meissner, Franz Hermann Tiepolo, Giovanni Battista
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-702305
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-702480
Eiepolo!    es gibt Namen, welche mit tausende kein Zielpunkt und kein m11ster- 
 einem Schlage das erschöpfende Pro- gültiger Wert.  Unter dieser Feststellung 
gra1nIn eines ganzen Zeitalters vor Augen nnd Vorausset;,ung indessen dürfen wir uns 
zu stellen vermögen. Man sage ,,Daute" an ihm als an einer üppigen Wunder- 
oder ,,Giotto" mit verständnisvollem Ton- bIume, die einen berauscheuden Duft aus 
fall, und die herbe Großartigkeit des Tre- ihrer farbenprächtigen Blüte sendet, vor- 
cento scheint sich in ein nach allen Seiten wurfslos erfreuen; denn er ist nicht bloß 
fest umrissenes Bild gewandelt zu haben,  ein virtuoser Tausendkiinstler, sondern auch 
man murmele mit einer von Grauen nicht ein herzumschmeiche1nder Farbenbarde; er 
ganz freien Andacht den N,-an1en: ,,Michel- ist auch nicht bloß eine durch das Geschick 
agniolo", und das kühne Ubermenschentum ihrer Hände impouierende Gestalt inner- 
der Hochrenaissance steigt mit adlerstarker halb einer gewissen interessanten Zeit,  er 
Willenskraft vor unsereIn inneren Gesicht ist vielmehr im Programm des mächtigsten 
in dieser grandiosen Erscheinung zur Sonne Kunststils sowie zugleich der mehr als 
empor und späht aus, neue ethische Werte 100() Jahre umfassenden Kulturentwickelung 
zu finden nnd die wilde For,menschönheit von Venedig die legte rauschende 
seiner ästhetischen Welt damit zu erfüllen. Symphonie,  denn nur zwei Jahr- 
So enthält ,,Dürer" die Refor1nation,  zehnte nach seinem Tod bricht die Republik 
nnd wenn man von ,,Tizian" spricht, so Venedig endgültig in sich zustimmen. Er 
klingt es im Ohr mit fernen Jugendstimmen ist ein fesselndes Zeitphänomen als ,,der 
von einer versunkenen Märchenherrlichkeit legte große Venezianer" und als der legte 
nnd von kosender Lust der Sinne. Tiepolo bedeutende Renaissanee1nensch.  Wnchtvoll 
ist niiht halb so groß als einer dieser ge- hat er noch einmal die ungeheure Schaffens- 
nannten Kunstheroeu; legt man an ihn kraft der Vorangegangenen jenseits der Al- 
statt des geschichtlichen Maßstabes der Re- pen entfaltet,  er hat in seinem Werk noch 
11aissance, deren letzter Meilenstein er ist, einmal an einer Stelle vereinigt, was die 
irgend einen der Ästhetik im absoluten Schönheit und die Bedeutung des Quattro- 
Sinne, sei es nach der Seite der Jdee, cento und des Cinquecento ausgemacht, 
der Form, des bloßen Naturverhältnifses, und es schtoächt diesen Eindruck davon nur 
 dann schrutnpft er sogar noch mehr zu- wenig ab, daß seine schwungvollen und 
fammen, und man versteht, warum nahezu reichbewegten Schilderungen weniger der 
keines der allgemeinen kunstgeschichtlichen natürlichen Leidenschaft als dem heißen 
Werke bis zu Tiepolo, dem Zeitgenossen Fieber einer Zeit entstammen, die bereits 
des großen Friedrich, Ludwigs XV, Vol- den hippokratischen Zug im Gesicht hat. 
taires u11d Rousseaus, reicht;  denn Tie- Was sein Mangel als schöpferischer Künstler 
polo ist in Hinsicht auf die ins Vertikale ist: die fehlende elementare Natur,  das 
gerichtete menschliche Arbeitskraft der Jahr- erseht er bis zu einem gewissen Grade 
1ds-
        

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