Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tiepolo
Person:
Meissner, Franz Hermann Tiepolo, Giovanni Battista
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-702305
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-703151
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Giovanni Battista Tiepolo. 
empfand, bevor die Reflexiou alles Stark- nicht Herzkraft genug  wie aus dem 
Persönliche gleichsam abgehobelt,  wie gleichen Grunde seine leichte, graziöse, aber 
irgend ein Eindruck von draußen den nicht i1n1ner zuverlässige nnd manchmal recht 
Künstler in ihm anstachelte, sich Rechen- grobe Zeichnung lediglich geistreich, inter- 
schaft über die Art dieser Sinnesanfnahme essant, i"1berraschend, nie von markiger Be- 
zu geben. stiIn1ntheit ist. Er mischt seine nicht zahl- 
Und hier Tiepolo im kleinen Rahmen reichen Farben so lange ineinander, bis die 
zu betrachten, heißt einen Menschen kennen Eigenart des Tons fast heraus und eine 
lernen, der heute noch irgendwo in der schmutzig-däm1nerige Unbestimmtheit hinein- 
Verborgenheit leben könnte, denn es ist ein geko1n1nen ist, n11d setzt sie dann mit einem 
Mensch mit ganz modernen Empfindungen dnrchtrieben feinen Auge so aneinander, daß 
der Welt gegenüber. Wenn die früher miß- sie anmutige Zufammenklänge von äußerst 
achteten und als Mufeumströdel betrachteten geringen Unterschieden ergeben. Wie Tizian 
Oltiepolos heute auf den Kunst1närkten seht er hier jede einheitliche Fläche aus zahl- 
die längst jetzt üblichen kleinen Rentner- reichen Tönen z11sammen und überläßt es 
vermögen kosten, so ist das kein Zufall, deu1 Auge, sie zusammenzuseHen, was mehr 
keine Mode für eine Jahreszeit, sondern eine wie bei jedem anderen alten Künstler die 
ganz natürliche, aus unserer Zeit heraus richtige Entfernung vom Bild beim Be- 
erkliirliche Erscheinung. Denn betrachten trachten erfordert. Er ist hier vor allem 
wir die Staffeleibilder dieses venezianifchen Maler und nichts als Maler, dem Jdee 
Verfallmenschen vom XVlII. Jahrhundert, 11nd Aufbau oft sehr nebensächlich sind und 
dieses Tiepolo der Kleopatrabilder vom Pa- unter Umständen nahezu eine Karikatnr 
lazzo Labia, dann finden wir ganz merk- unter den Händen entsteht, wenn das Nach- 
wi"crdige Parallelen mit Verfallströniungen denken über sein Thema seiner inneren 
in der zeitgenössischen Kunst. Auch er ist Uurast nicht die erwünschte schnelle Lösung 
ja erschöpft und nur miihsa1n entringen sich bringt. In seinen Friihwerken, in denen 
seinem blntar1nen Gehirn gedaukliche Vor- auch das malerische System noch niQt nach 
stellungen,  auch ihm fehlen die großen der koloristischen Seite hin ganz ausgebildet 
Gesichtspunkte der Menschl)eitsentwickelung ist, formt er seine Figuren rund nnd sucht 
mangels kraftvoller innerer Ruhe,  dafür nac) Charakter nnd natürlichem Ausdruck, 
hat aber auch er die fabelhaft geschärften  späterhin sieht er sogar die Staffage 
und verfeinerten Anfnahmesinne für die des nächsten Vordergru.ndes oft verschleiert, 
Erscheinungswe1t, für die farbigen nnd will er durch Pose, Uberschneidnng, Ton 
linearen Rasfinements,  denselben ner- 1"iberraschen und damit wirken,  kokettiert 
vösen Fanatismus für den seusationellen er auch zuweilen mit liederlicher Routine 
Tonwert, der pathologisch und in auf- nnd offener oder verhüllter Obscönität. 
steigender Kunst nicht zu finden ist. Zwischen dem Palazzo Labia u11d Würz- 
Welch ein reichcs Orchester von sch1neich- burg ist er Verfall bis dicht an das hippo- 
lerifch-gedämpftem Wol)lklang aus tausend kratische Gesicht heran; er scheint keinen 
unendlich feinen, gemischten, heiteren, trii- Tropfen Blut mehr in den Adern zu haben, 
ben, reinen, unreinen, kühlen, heißen sich nur durch starke Narkotika, wie Kaffee 
Farbenstimmeu liegt über jenen Tafeln, die nnd Tabak", aufrecht zu erhalten nnd in- 
Tiepolo uns in der intimsten Eigentii1nlich- folgedessen an Schlaflosigkeit zu leiden,  
keit seines Wesens zeigen! Blut, Leiden- denn seine Kunst ist von übernächtiger Ent- 
schaft, ekstatische Begeisterung findet man nervtheit 11nd welk durch und durch. 
manchmal in seinen Monu1nentalwerken,  Es ist merkwürdig, wie sehr seine reli- 
in seinen Tafelwerken fast nie. Da ist nur giösen Vorwürfe verlieren, wenn er die 
raunende Nervosität. Er hat hier vielfach Tafeldarstellnng wählt. Hier, wo blendende 
die gleiche Helligkeit des Lichts, die auch Vorgänge, frappierende Bewegungen, ein 
in seinen Fresken zu jener Zeit eine kühne reicher Aufwand an drolligen Putten, der 
Nenerung war,  oft eine warme Dä1n- Posannentusch barocker Massenentfaltnng 
merung, die er in Hinsicht auf den Ton fortfallen, tritt die Unheiligkeit, der Mangel 
noch besser beherrscht. Reine Farben, über- an naiver Glänbigkeit Tiepolos ganz be- 
haupt starke Werte zu verwenden, hat er sonders zu Tage, obgleich ihm die lieb-
        

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