Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Pinturicchio
Person:
Steinmann, Ernst Pinturicchio, Bernardino
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-698851
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-700118
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Pinturicchio. 
schilderungen, für großräumige Flächen und 
recht viel Menschengedränge kann es nicht 
Wunder nehmen, wenn er auch die Tempel: 
scene kühn auf einen freien Plah vor dem 
Tempel verlegt hat. Das große Heiligtum 
von Jerusalem, ein schöner Centralbau nach 
älteren Mustern entworfen, mit einer Statue 
der Flora links, der Minerva rechts in 
den geräumigen Nischen bildet den ge: 
schlossenen Hintergrund für die aufsallend 
geseHmäßig komponierte Schilderung der 
Disputation. Der kleine Jesus schreitet 
mitten durch die Schriftgelehrten hindurch, 
wie die heilige Caterina seine Beweisgründe 
an den Fingern herzählend, während alle 
die Weisen um ihn her ihn zu kontrollieren 
und zu widerlegen versuchen. Von links 
her drängt sich ein neugieriger Menschen: 
hause heran, und etwas abseits von der 
Menge erscheint im Vordergrunde ein wür: 
diger geistlicher Herr, wahrscheinlich Troilo 
Baglionii selbst. Vielleicht ist auch der 
Knabe ganz links ein Sproß des alten 
Geschlechtes, der mit ,,frisch gewaschenem 
MorgengesichtE ein großes Buch unver: 
dauter Weisheit mit sich schleppend, wie 
eine Schnecke unwillig in die Schule schleicht 
und von einem eifrigeren Genossen,n vielleicht 
einem kleinen SchuHheiligen, am Armel mit 
fortgezogen wird. Rechts nahen sich Joseph 
und Maria, edle, ganz von Pinturiechio 
selber ausgeführte Jdealgeftalten fAbb; 85D. 
Eben sind die Eltern des schmerzlich gesuchten 
Knaben ansichtig geworden, und der zornss 
1nütige Joseph möchte ihn sofort aus dem 
Kreise der Schriftgelehrten mit nach Haufe 
nehmen, aber Maria hält den Gatten sanft 
am Gürtelbande zurück, die eifrige Dis: 
putation zu stören. Die Karikatur des 
alten Weibes hinter ihr ist uns bekannt; 
Pinturichio hat denselben Kopf schon bei 
der Bestattung des heiligen Bernardin ver: 
wandt, wie sich auch in den Schristgelehrten 
mancherlei Anklänge an die Disputation der 
heiligen Caterina wiederfinden.  
Unendlich viel reizvoller als dies ,figuren: 
reiche Fresko ist die Anbetung der Hirten 
CAbb. 86s behandelt, trog der mangelhasten 
Komposition und der nngliicklichen Verteilung 
der Figuren in ein großes Landschastss 
gemälde. Aber Pinturicchio hat sich hier 
schon ganz vom Ballast römischer Erinne: 
rungen frei gemacht, er hat in der Heimat 
sich selber wiedergefunden nnd schildert die 
Verehrung des Kindes durch die Mutter, 
die Engel und die Hirten auf dem grünen 
Wiesenboden in der weiten fröhlichen Lands 
schaft mit all dem Zauber umbrischer 
Naivetät. Kaum ein anderes Gemälde des 
Meisters verfügt über so mannigfache Reize 
der Natur; hier erst ermessen wir den Vers 
lust der Städtebilder in den Loggien des 
Belvedere. Im fernen Hintergrunde ruht 
geheimnisvoll ein blauer See von steil 
absallenden Ufern begrenzt, ein phantastisches 
Städtchen ist im Mittelgrunde am Fuße 
eines allmählich ansteigenden Gebirges aufs 
gebaut, und davor hebt sich ein einziger 
Eypressenbaum mit goldenen Früchten aus 
dem niederen Gebüsch empor. Gleich das 
neben, mehr im Vordergrunde, türmen sich 
die für Pinturicchio so charakteristischen, 
übereinander gelegten Felsmassen auf, von 
welchen eben der Troß der heiligen drei 
Könige den beschwerlichen Abstieg genommen 
hat. Rechts steht die Hütte von Bethlehem, 
deren Strohdach auf antiken Pfeilern ruht, 
welche zum Teil mit Epheu übersponnen sind. 
Hier hat eine Schwalbe am Kapitäl ihr Nest 
gebaut, ein fetter Kapaun spaziert behaglich 
aus dem Dach herum, Vögel suchen im aufs 
gespeicherten Stroh nach verborgenen Körnen, 
und gleichmütig blicken Ochs und Esel über 
die Hürden hervor. 
Die Anbetung des Kindes aber mußte 
natürlich unter freiem Himmel geschehen, 
in einem blühenden Gottesgarten, wo Lilien 
und Rosen sprießen, wo ein junger Feigens 
baum schon die ersten Früchte gezeitigt 
hat nnd üppiges Myrtengebüsch am Boden 
wuchert. Das Ehristkind, von betenden 
Engeln behütet, liegt weich gebettet auf 
der grünen Erde und streckt verlangend die 
Ärmchen zu seiner schönen Mutter CAbb. 87J 
empor, welche, ganz in den Anblick ihres 
pErstgeborenen versunken, vor ihm auf die 
Kniee gesunken ist und ihre Wonne durch 
Gebet bemeistert. Hinter ihr steht Joseph, 
den gewaltigen Stecken in der Rechten, die 
Linke staunend erhoben, von dem Wunder, 
welches oben in der Lust die Engel durch 
das G10ria in Exce1sis verkündigen, weniger 
innerlich ergriffen, wie selbst die frommen 
Hirten, die einer nach dem anderen nieders 
gefallen sind, den Heiland der Welt zu bei 
grüßen. Ihr Führer ist ganz festlich ans 
gethan und trägt über dem Wams einen 
gelben, bunt gestickten Shawl. Er kam mit
        

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