Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Canova
Person:
Meyer, Alfred Gotthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-693352
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-693772
Canova. 
welcher sich zu dem des Straßburger Denk: 
mals verhält wie Chorgesang zu Fang 
faren. Als Ganzes erfüllt das Rezzonicos 
Denkmal die aus der Antike abgeleitete 
Forderung aller echten Kunst: als Ganzes 
ist es von ,,stiller GrößeU. Jn diesem Sinne 
sollte Canova das hier Erreichte nur eins 
mal, am Grabmonun1ente der Erzherzogin 
Christine, übertreffen. 
Dis V DIE 
Aber nicht nur als Monu1nentalbildner 
hatCanovaindiesemJahrzehnt1785s1795 
seinen Weg gefunden. Eine Reihe anderer 
weniger ntnfangreicher Arbeiten, die in der 
gleichen Epoche entstanden, sind für seine 
kunsthistorifche Eigenart von mindestens 
gleicher, vielleicht sogar von noch höherer Bei 
deutung, und gerade diese haben ihn weit 
über die örtlichen und zeitlichen Grenzen 
seiner Thätigkeit hinaus zu einem volkss 
tümlichen Künstler gemacht. Nicht grans 
diose Denkmäler von der Art der beiden 
geschilderten Grabmonumente sind es, die 
bei dem Namen ,,Canovatt zuerst vor 
unseren Blicken auftauchen, sondern Huld; 
gestalten von weicher, zarter Schönheit, 
Kinder eines paradiesisohen Traumreiches, 
in welchem ewige Jugend herrscht, wo die 
Lebensstürme keinen Eingang finden und 
alles irdische Hangen und Bangen sich in 
seligen Genuß, in anmutige Dafeinsfreude 
oder in eine sanfte Melancholie auflöft: 
das Reich A1nors und der Venus mit 
ihrem Gefolge, den Grazien. Schon bei 
der Orpheusscene hatte sich Canova dieser 
Geftaltenwelt genähert, und auch der Genius 
am Rezzonico:Denkmal entstammt ihr. 
Während dessen Entstehung weilte die 
Phantasie seines Schöpfers aber noch viel 
unmittelbarer in diesem Reiche. Sie war 
beschäftigt, zwei Lieblingsgestalten desselben 
zu verkörpern, denen das Gefiihlsleben 
dieser Zeit besondere Sympathie entgegenss 
trug nnd die ihn selbst in hohem Grade 
fesselten: Amor und Psyche.  Der Liebes: 
gott war dem endenden vorigen Jahrhuns 
dert nicht mehr, wie in der Antike, der bei 
aller Schönheit doch so kraftvoll trotzige 
Bezwinger der Welt. Mit feinen Pfeilen 
hatte er sich selbst verwundet, und so war 
ein schwärmerischer Zug in sein Wesen ges 
kommen. Auch Pshche war nicht mehr, wie 
im Märchen des Apulejus, die Rivalin der 
Venus, die deren göttliche Hoheitsrechte 
teilte und ihr durch ihre irdischen Reize den 
Liebesgott selbst raubte. Sie erschien als 
das Sinnbild mädchenhafter Unschuld, zart 
wie ihr Attribut, der fliichtige Falter. So 
stand sie auch vor der Phantasie Canovas, 
und so hat er sie immer von neuem vers 
körpert, am köstlichsten in der 1793 volls 
endeten Marmorstatue, die ans dem Palazzo 
Mangili in Venedig nach München in die 
königliche Residenz gelangt ist cAbb. 10J. 
Sie trug, schon als sie in Venedig aussi 
gestellt wurde, ihrem Schöpfer selbst noch 
begeisterteres Lob ein als das Rezzonico: 
Monument. Man pries ihn auf Grund 
dieses Werkes als einen neuen Praxiteles, 
der durch seinen Namen eine ähnliche 
Blütezeit in der Plastik bezeichne, wie 
Rafsael oder Tizian in der italienischen 
Malerei; man widmete dieser Psyche selbst 
lange Sonette, und ihre Beschreibungen 
atmen eine auch damals ungewöhnliche 
Begeisterung. Das bezeugt heut zunächst 
nur, daß Canova hier ein Jdeal seiner 
Zeit wiederum verkörpert hat. Allein auch 
noch die Gegenwart empfindet dessen Reiz. 
Diese Miidcheugestalt ist in der That von 
hoher Anmut. Die zartensFormen des 
jungfräulichen Leibes, vor allem der feinen 
Arme und Hände, kommen, dank dem uns 
gemein glücklichen Bewegungsmotiv, gleich: 
sum absichtslos zur Geltung, und das AntliH 
hat einen reizenden, träumerischen Zug. Das 
Gewand ist von1 Oberkörper herabgesunken,1J 
allein Canova hat die Frauenschönheit kaum 
jemals wieder so keusch verherrlicht wie 
in diesem ersten ihr gewidmeten Werk. Hier 
ist er Thorwaldsen ebenbiirtig, nnd doch 
wahrt diese in ihrer echt statnarischen Hals 
tung so fein bewegte Gestalt jenen weichen 
Liniensluß, den die Frauen Canovas vor 
denen Thorwaldsens stets voraus haben. 
In der als Gegenstiick zur Psyche erscheinen: 
den Statue Amors mit dem Bogen wirkt 
diese Weichheit schon minder günstig. Die 
Formenbehandlung selbst verrät auch bei 
beiden Werken eine gewisse Unsicherheit. 
Die dem Meister von Jugend auf vers 
trauten Gestalten Amors und Psyches 
drängten zu ihrer kiinstlerischen Vereinigung 
1J Unsere Abbildung mußte nach einem 
Kupferstich hergestellt werden, welcher den Oberi 
körper ans Priiderie halb verhüllt zeigt.
        

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