Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Canova
Person:
Meyer, Alfred Gotthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-693352
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-693547
Eannva. 
as macht einen Künstler unsterblich P  
 Jst es allein die wahrhaft große, 
schöpferische That des persönlichen Genius, 
den nur die Allmutter Natur selbst, über 
dem geschichtlichen Wechsel thronend, spens 
det, oder ist es zuweilen lediglich die 
Wirkung des Zeitgeistes, der einen seiner 
begabten Söhne zu seinem Propheten ers 
kürt, ihm seine eigenen Kräfte leiht und 
ihm zujubelt, bis das Echo seines Ruhmes 
unverlierbar auch in der Nachwelt forts 
hallt9 Und wer übt über deren Urteil, das 
so wandelbar ist wie die Kunst selbst, das 
legte Richteramt ausP  
Canova ist von seinen Zeitgenossen kaum 
minder gefeiert worden als Michelangelo. 
Man hat einen wahren Kultus mit ihm 
getrieben, ihm Ehren über Ehren erwiesen 
und Hunderte von Sonetten und Lobreden 
gewidmet, in denen die überschwenglichste 
Sprache herrscht. Die Stimmen seiner 
Kritiker und Tadler drangen nicht durch. 
Sein Ruhm übertönte sie. Nicht nur als 
zweiter Phidias wurde er gepriesen und 
als der Rasfael der italienischen Plastik, 
sondern seine Künstlergestalt wuchs über 
die Schranken ihrer Wirkungssphäre weit 
hinaus und erschien besonders seinen das 
mais politisch gedemütigten Landsleuten 
zuweilen fast im Lichte eines nationalen 
Heroen, der ausersehen sei, den idealsten 
Schatz seines Volkes zu hüten.  Heut 
ist er einem stattlichen Kreis derer, die, 
schaffend oder urteilend, in künstlerischen 
Dingen maßgebend sind, eine ephemere 
Größe, über welche die Kunstgeschichte längst 
zur Tagesordnung iiberging, einer von den 
Meistern, die nur mit rückwärts gewaudtem 
Blick vergangene Ideale nnHlos wieders 
zubeleben suchten, ein Künstler, dessen 
näheres Studium überhaupt nicht mehr 
verlohnt.  
Dieses herbe Urteil könnte berechtigt 
sein, ohne die Thatsache, daß Canova früher 
als Großmeister galt, unbegreiflich zu 
machen. Mit der Objektivität der heutigen 
Geschichtsforschung würde man ihm dann 
jene zweite Art von Unsterblichkeit zuers 
kennen, welche dort allen gebührt, die 
,,ihrer Zeit genug gethantt, und seine Größe 
nur an dem kleinen Maßstab einer kunsts 
armen Epoche messen. 
Allein dies reicht zu seiner gerechten 
Würdigung keineswegs aus. Kein Histos 
riker der Bildhauerkunst wird heute, wie 
einst Cicognara, deren geschichtliche Entwickes 
lung. in der Plastik Canovas gipfeln lassen, 
aber selbst noch Jacob Bnrckhardt hat diesen 
als den ,,Markstein einer neuen ZeitE ges 
rühmt. Und auch abgesehen von seiner 
geschichtlichen Mission lebt in seinen Werken 
ein Teil jener rein persönlichen Künstler: 
kraft fort, die unvergänglich ist. Canovas 
Schöpsnngen haben, neben ihrer zuweilen 
ganz eigenartigen Würde, vor allein eine 
Grazie, die in der Plastik weder vor noch 
nach ihm gefunden wird. Freilich spricht 
auch aus ihr zugleich die Zeitstinnnung: 
es ist eine subjektive, weiche Anmut, deren 
Zeit erst mit dem Ende des vorigen 
Jahrhunderts gekommen war, jener Epoche, 
die aus das klassische Altertum nicht, 
gleich der Renaissance, mit der selbsts 
bewußten Schaffenskraft erneuter Jugend 
zurückblickte, sondern mit der sehnsiichtigen 
Bewunderung der Epigonen. Ein ron1ans 
tischer Hauch ruht auf ihr, selbstidaE, wo 
sie,sich dem klassischen Geist am meisten 
; 1stt
        

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