Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mantegna
Person:
Thode, Henry Mantegna, Andrea
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-680897
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-681089
JElndrea 
TE2ankJ3gna. 
Wie Fülle künstlerischer Erscheinungen, die 
E Mannigfaltigkeit kiiustrekisck;ek Ruh. 
tungen, welche während des fünfzehnten 
Jahrhunderts in Italien zu Tage treten, 
erfüllt den Forscher, dessen Blick alle Einzel; 
heiten in dem Gesamtbilde dieser Kunsti 
epoche aussucht, mit dem größten Erstaunen. 
Gewaltsam und unwiderstehlich scheint eine 
lange zurückgehaltene Schaffens; und Ge: 
staltungskraft sich aus dem Innern nach 
außen Bahn zu brechen  in gleicher Weise 
in Tausenden von Jndividuen vorwärts 
drängend, als gälte es, mit Meißel und 
Pinsel sich der Welt zu bemächtigen. Die 
Außendinge, die sich in nie endendem 
Wechsel dem Auge aufdrängen, werden als 
Bilder gefangen und von einem die Eins 
bildungskraft beseelenden lebhaften Gefühl 
zu neuen Naturgebilden menschlicher Schöps 
sung umgestaltet. Wer freilich dieses an 
Künstlerthaten reiche Jahrhundert aus ihm 
allein zu erklären versuchte, würde es 
nie verstehen können. Nur in den voraus 
gehenden Zeiten entdeckt man die treibenden 
Kräfte, welche den Genius des italienischen 
Volkes zur Schaffenslust tveckten: in jener 
Epoche einer großen focialen und religiösen 
Bewegung, welche den eigentlich schöpferis 
schen Teil der Menschheit, die unteren 
Schichten deszVolkes, befreite und mit der 
gesellschaftlichen Neugestaltung zugleich ein 
neues, schlicht volkstü1nliches, innerliches 
Christentum zur Herrschaft brachte. In 
diesen Zeiten erhielt die Phantasie und das 
Gefühl die Richtung auf das Ideal, wels 
ches das Ziel der Renaissaucekunst werden 
sollte. Noch vermochte trotz aller jugeuds 
lichen Begeisterung und dramatischen Auss 
druckskraft die das vierzehnte Jahrhundert 
aussüllende Kunst Giottos nicht über das 
Typische der Formenbildung hinauszukoms 
men, aber sie schuf und entwickelte alle 
Grundmotive des Stiles und der Dars 
stellung. Um 1400 wendet man sich der 
Aufgabe zu, das Formale und die künst: 
lerischen Mittel auszubilden. Das alls 
gemein Andeutende muß dem besonderen 
Verwirklichenden weichen: durch eingehendes, 
das Größte wie das Kleinste umsassendes 
Studium der Natur werden der Phantasie 
in heilsa1nster Weise Schranken geseHt. Nun 
galt es, die Erscheinung des Menschen 
nach seiner organischen Bedingtheit in den 
Proportionen, der Bewegung und dem Ausi 
drucksvermögen zu erfassen, es handelte sich 
darum, das allgemein GeseHmäßige durch 
das genaue Studium des Jndividuellen 
kennen zu lernen, durch Erforschung der 
Gesetze des Sehens, der Linears und Luft; 
perspektive das Verhältnis der Figuren im 
Raume zu bestimmen, und, dem Reichs 
tum des Schauens zu genügen, mußte eine 
Meisterschaft in dem Technischen errungen 
werden, welche die freie und zwanglose 
Wiedergabe des Erschauten ermöglichte. 
Mit diesen Aufgaben sehen wir in der 
verschiedenartigsten Weise die Bildhauer 
nnd Maler des Quattrocento unermüdlich 
beschäftigt. In den Werkstätten kommt 
dem Schüler zu gute, was der Meister ges 
funden  Einer lernt vom Anderen in einem, 
fast möchte man sagen, instinktiven Gefühl 
davon, daß es sich nicht um die Originalität 
des Einzelnen, sondern um ein gemeinsam zu 
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