Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rubens
Person:
Knackfuß, Hermann Rubens, Peter Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-673567
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-674360
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zur Flucht (Abb. 45). Damit ist das von Rubens so großartig und wirkungsvoll aus- 
gearbeitete Trauerspiel zu Ende. Das sechste Bild gibt sozusagen nur noch ein glänzendes 
Schlußschaustück; man sieht die aufgerichteten Siegestrophäen, die Aushäufung der Beute 
und das Herbeischleppen der Gefangenen, und im Vordergrunde liegt auf prächtiger 
Bahre, mit dem Purpurmantel und dem Lorbeerkranz geschmückt, der tote Sieger. 
Rubens verschmähte es, ungeachtet des unerschöpflichen Reichtums seiner Erfindungs- 
gabe, nicht, sich gelegentlich selbst zu wiederholen, indem er bei dieser oder jener Dar- 
stellung eine frühere Komposition benuHte, um daraus mit den durch den veränderten 
Gegenstand gebotenen Anderungen ein neues Werk zu schaffen; und das Merkwürdige 
dabei war, daß dieses neue Werk dann doch wieder eine in sich so einheitliche Schöp- 
sung wurde, als ob es ganz und gar nur aus dem gegebenen Gegenstande hätte hervor- 
wachsen können. So kann es nichts Abgerundeteres geben, als die ihren Inhalt so 
kurz und treffend erzählende Komposition in der Folge der Deciusbilder, welche den 
Tod des Helden schildert. Und doch ist dieses Bild gewissermaßen ein Auszug aus 
einer figurenreicheren Komposition, die einen ganz anderen Stoff behandelt, aus dem 
prachtvollen, in kleinerem Maßstab ausgeführten Gemälde der Münchener Pinakothek: 
die Niederlage des Königs Sennacherib. Wie die Engel des Herrn aus nächtlichen 
Wolken hervorbrechen und Tod und Verwirrung unter die Reiterscharen des Assyrer- 
königs schleudern, ist da mit einer unvergleichlichen Großartigkeit geschildert (Abb. 46). 
Hier ein göttliches Strafgericht, dort der Opfertod eines Helden, das eine wie das 
andere mit der höchsten Meisterschast packend und erschöpfend zur Anschauung gebracht 
 und doch als Komposition das eine von beiden auf der Grundlage des anderen 
entstanden! Eine andere Bearbeitung des dankbaren Stoffes vom Untergang des 
Assyrerheeres vor Jerusalem zeigt eine reizvolle, flüchtig entworseue Federzeichnung in 
der Sammlung der Albertina (Abb. 47).  
Die Münchener Pinakothek besitzt auch ein als Gegenstück zu der Niederlage Sen-- 
nacheribs in gleicher Größe gemaltes Bild aus dem Neuen Testament: Die Bekehrung 
des Saulus. Mit einer unbeschreiblichen Lebendigkeit, einer unmittelbaren Glaubhaftig- 
keit ist auch hier das plötzliche Hereinbrechen eines Ereignisses, gegen das es keinen 
Widerstand gibt, geschildert; das jäh aufleuchtende Himmelslicht wirst die Pferde in 
wildem Schrecken durcheinander, den Menschen raubt die überirdische Erscheinung die 
Fassung, und wie vom Blitz getroffen ist Saulus zu Boden gestürzt, zum Entsetzen 
der wenigen forglichen Begleiter, die sich noch um ihn bekümmern (Abb. 48). 
Beide Bilder zählen zu den prächtigsten Schöpsungen des Künstlers. Sie müssen 
annähernd gleichzeitig entstanden sein mit dem berühmtesten aus der Gruppe von Ge- 
mälden, in denen Rubens mit einer ganz einzig dastehenden Meisterschaft wildes Durch- 
einander von Menschen und Rossen geschildert hat. Das ist die Amazonenschlacht, eben- 
falls in der Münchener Pinakothek; wie jene beiden ein in kleinem Maßstab, aber mit 
größter Künstlersreude ausgeführtes Werk; eine zeitgenössische Nachricht sagt, daß es um 
1615 gemalt worden ist. Erinnerungen an Tizians Schlacht bei der Brücke von Ca- 
dore, an Lionardos Karton des Reiterkampfes bei Anghiari  von dem zu Rubens7 
Zeit wenigstens ein Stück noch erhalten war  und auch an die von Rassael ent- 
worsene Konstantinschlacht haben sich in dem Gedächtnis des Malers bewegt, als seine 
Phantasie den Kampf und Untergang der wilden Reiterinnen erfaßte. Aber die An- 
-klänge verschwinden, das Ganze ist ein echtes Kind Rubensschen Geistes. Auf einer 
schmalen Brücke versuchen die kriegerischen Jungfrauen mit leHter Anstrengung dem An- 
prall der von Theseus geführten Reiter stand zu halten; da wird noch mit heißer 
Leidenschaft gekämpft, den Pferden selbst scheint sich der Kampseszorn der Menschen 
mitgeteilt zu haben. Aber schon ist die Niederlage der Amazonen entschieden. Vergeb- 
lich sucht die Bannerträgerin die Fahne zu retten, die ein Griechenjüngling ihr zu ent- 
reißen strebt; sie wird mitsamt dem Feldzeichen, das sie mit schwindenden Kräften um- 
klammert, vom bäumenden Pferde gezogen. Rosse und Reiterinnen stürzen hinab in 
den Fluß, in schwerem Ausschlag die Wogen emportreibend, herrenlos gewordene Pferde 
jagen davon. Neben der Brücke sprengen wilde Reiterinnen, am Widerstand verzagend,
        

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