Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Herkomer
Person:
Pietsch, Ludwig Herkomer, Hubert/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-667073
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-667523
Die Persönlichkeit Richard Wagners, 
welchen Herkomer während der Anwesenheit 
des Meisters in England kennen gelernt 
hatte, im Verein mit dessen Musik machte 
auf den Künstler einen tiefen und mächtigen 
Eindruck. Er hatte das lebhafte Verlangen, 
den charaktervollen Kopf zu malen. Dieser 
aber weigerte sich hartnäckig, ihm, von dessen 
ganzer künstlerischen Bedeutung der große 
deutsche Musiker wahrscheinlich keine Ahnung 
hatte, zu siHen. Nach aufmerksamer. Beobachs 
tung der Erscheinung und des ganzen Habitus 
Wagners während des von diesem in der 
riesigen AlbertsHall dirigierten Konzerts vers 
suchte Herkomer, ein Bildnis des Gefeierten 
zu entwerfen. Als er das fast vollendete 
große AquarelliPorträt dem Meister vor: 
stellte, brach dieser erstaunt in den Ausruf 
aus: ,,Aber Sie sind ja ein HexenmeisterlE 
und er fand sich nun sehr bereit, ihm be: 
hufs einer nachträglichen Uberarbeitung eine 
Sitzung zu gewähren. Der Maler fand  
und gesteht es unbefangen ein  daß ihm 
Wagner, wie er ihn in der Phantasie ges 
tragen und in seinem bekannten Bildnis 
dargestellt hatte, besser gefallen habe, als 
der wirkliche, den er nun sich gegenüber 
mit ewig beweglichen Mienen sitzen und 
perorieren sah. Alles Kleine, Eifernde, das 
spezifisch ,,Sächsischett in Wagners menschs 
lichem Wesen, das sich in seiner Dichtung 
und Musik glücklicherweise durch keine Spuren 
verrät, in seinem Antlitz, seinem Ausdruck 
und seiner Sprache sich aber sehr bemerkbar 
kundgab,,ist auf dem Bildniskopf auf Hers 
komers großem AquarelliGemälde ausgeschiess 
den. In diesem Kopf spricht sich nur das 
mächtige schöpferische Genie, die hohe heilige 
glühende Begeisterung, der durchdringende 
Geist und die ungeheure Energie des Wils 
lens aus, wodurch er den zähen Widerstand 
der stumpfen Welt wie den erbitterten der 
kampslustigsten Gegner überwunden hat. 
Der schwarze Sammet des Rockes und der 
dunkle Hintergrund lassen die feinen lebenss 
warmen Tönungen des ins seinen festen 
Formen wie aus Marmor gemeißelten Ges 
sichtes, auf dem das volle Licht konzentriert 
ist, nur um so heller leuchten. Dies 
WagnersBildnis CAbb. 20J, das von keinem 
unter allen nach dem Kopf des Meisters von 
Bayreuth gemalten und gezeichneten erreicht 
wird, wurde Veranlassung und Gegenstand 
für Herkomers erste Versuche im Radieren 
und Ähen. ,Auch in dieser Kunsttechnik, wie 
in der des Ols und Aquarellmalens, hat er 
nie einen Lehrer gehabt. Jn ihrer Ausübung 
ist er, wie in der jeder anderen, durchaus 
seine eigenen Wege gegangen. Es war immer 
sein Prinzip, zu erst zu versuchen und dann 
sich zu unterrichten, wie es andere zu machen 
pflegen und lehren. Er hat es, so vers 
fahrend, bald dahin gebracht, zu den größten 
Radierern unserer Zeit gezählt zu werden. 
Das Jahr 1877, in welchem er das 
AquarellsBildnis Richard Wagners, das 
Frau Eosimas, das seiner CHerkomersJ Muts 
ter und das große Olbild ,,Der Vittgangs 
gemalt hatte, ist auch das Entstehungsjahr 
mehrerer hervorragender Genrebilder in Was; 
sersarben: ,,Der FreischuljungeU, ,,Kops eines 
alten WeibesE, ,,Ein Augenblick des Zöi 
gernsU, ,,Wer kommt daPU, ,,Jmmer wird7s 
schlimmen, CTiroler MotiveJ, ,,Eine Ers 
innerung an RembrandtJ. 1878 ging aus 
seiner Werkstatt das Olgemälde ,,Abends 
zeittt und das Aquarell ,,Guter Ratt, hers 
vor. 1879 malte er das in derselben 
Technik ausgesührte größere Bild aus dem 
Tiroler Bauernleben: ,,Licht, Leben und 
Melodies. 
In diesem Jahr traf ihn und seinen 
Vater der herbste Verlust. Die Mutter des 
Einen, die Gattin des Andern war jenem 
in ihrem Häuschen am Lech, Landsberg 
gegenüber, gestorben. Schon als er auf 
seiner Sommerreise in die Ramsau seine 
Eltern besuchte, hatte er die Mutter sehr 
verändert gefunden. Sie begleitete ihn diess 
mal nicht dorthin. Er malte während seines 
Aufenthalts ins diesers Sommerfrische das 
eben genannte Aquarellbild. Während der 
Arbeit erkrankte er. In der treuen Pflege 
der Eltern,szui denen er sich begab, fand er 
bald vollkommene Genesung. Nach London 
zurückgekehrt, malte er das lebensgroße 
AquarellsBildnis des berühmtesten und auf 
den Geist seiner Nation einflußreichsten Asthes 
tikers und Kunstschriststellers John Ruskin 
LAbb. 22J, sowie das ebenfalls lebensgroße 
Alfred Tennysons, des späteren Poeta 1aus 
reatus. Die Behandlung der Aquarellfarben 
und :Technik dieser Bildnisse weicht von der 
des Wagner:Porträts wesentlich ab. Sie ist 
sehr viel flüssiger. Ein ähnlich energischer, 
plastischer und farbiger Effekt ist weder 
angestrebt noch hervorgebracht. So hat 
der Kopf Ruskins zumal nichts von dem
        

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