Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erziehung des Auges, Erziehung zur Kunst
Person:
Mollberg, Albert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-663176
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-664058
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liegt die Welt mit ihren Körpern, Flächen, Linien und harrt 
vergeblich der Beachtung. Die Natur drängte einst der Menschheit 
die Geometrie auf, der heutigen Jugend aber drückt man das Lehr- 
buch in die Hand! Und da wundert man sich noch, daß viele 
anfangs nicht mitwollen und später nicht mitkönnen. Diese 
Armen! 
Führt sie doch erst in die Welt der wirklichen, statt der 
angemalten Formen und Raumgrößen, laßt lange Zeit den 
Anfänger planmäßig klare Anschauungen sammeln, ehe ihr ihn 
über ihre inneren Beziehungen zu denken nötigt. Ganz besonders 
gilt dies für Mädchen. Und diese müssen, soll ihrer Bildung 
nicht eine bedenkliche Lücke bleiben, in Geometrie und Algebra 
mindestens ebensoviel Mathematik treiben, wie Knaben in Unter- 
sekunda erhalten.k) Mädchen hängen auf allen Gebieten mit 
Vorliebe am Konkreten und verweilen nicht mit Andauer bei 
Spekulationen. 
Nicht, als ob sie nicht reif dazu wären! Ich habe bei 
dem mathematischen Unterricht mit 1:3- bis 16jährigen Mädchen 
ein großes Jnteresfe und nicht geringeres Verständnis als bei 
Knaben gefunden. Aber ich mußte Betrachtung und Aus- 
messung der Figuren an Flächen und Körper in Hof und 
Garten anlehnen; dann folgten sie mit Lust; nicht so, wenn ich 
von der angezeichneten Tafelfigur ausging. Und die Anwen- 
dung des Gelernten wollten sie wieder in der Wirklichkeit vor- 
nehmen, um mit dem Auge diese leßtere zu durchmustern und 
mit der Hand auszumefsen!  Das Studium der Natur 
muß Ausgangspunkt der mathematischen Belehrung 
sein, zum Studium der Natur führe die mathematische 
Praxis zurück. 
Jn der Heimatkunde der ersten vier Schuljahre hat das 
Auge Würfel und Säulen, Rechtecke und Kreise, Eckpunkte und 
Kanten gesehen und eine Fülle geometrischen Materials auf- 
gespeichert. Nun muß das mathematische Auge methodisch 
-I) Mollberg: Über Zweck und Methode des mathematischen Unterrirhts 
in der höheren Mädchenfchule. ,,Frauenbildung", Heft III, 1903.
        

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