Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Klinger
Person:
Schmid, Max Klinger, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-651068
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-651351
Klinger. 
Max 
druck jenes kleinen Bildes aus das leb: 
hafteste in der Erinnerung. Die krasse 
Gussowsche Realistik in der Auffassung und 
Farbe kam hier zum Vorschein, ein Zug 
.VvU so energischer Wirklichkeit, lebendiger 
Beobachtung und prägnanter Erfassung des 
Mo1nentes, daß es dem Gedächtnis gar 
Utcht wieder entschwinden konnte. 
 Wer freilich allein aus diesem Gemälde 
sITh ein Bild von der Kunst Klingers 
machte, erhielt einen sehr unvolIständigen 
Eindruck. Er konnte nicht ahnen, welche 
Fülle von poetischen Gedanken und Ein: 
fällen diesem scheinbar so niichternen Be: 
obachter unablässig ,zuströmten, schneller, 
als der Stist sie festzuhalten vermochte. 
Aber wenige Schritte weiterhin konnte man 
Auf derselben Ausstellnng eine Folge von 
k1Fht Federzeichnungen des Künstlers finden, 
die dem engeren Kreis derjenigen, die solche 
11Uspruchslose lEntwiirse würdigten, das Aus: 
tauchen eines neuen Sternes am Himmel 
deutscher Kunst verkündeten.  
,,Ratschläge zu einer Konkurrenz über 
das Thema Christustt hatte Klinger die 
Folge benannt. Wirklich war sie auch 1877 
und 1878 ursprünglich für einen Kollegen, 
der an einer Konkurrenz um das Thema 
,,Christustt arbeitete, als ,,Ratschlagtt ent: 
71ZvVfen, nicht ohne persiflierende Absicht bei 
einzelnen Blättern. Aber von ihnen darf 
das Wort gelten: ,,Der gute Mensch in 
seinem dunklen Drange ist sich des rechten 
Weges wohl bewußt.tl Wie die Blätter 
letzt vereinigt vor uns liegen, erscheinen sie 
als eine großartige Predigt über dieses uns 
seFfchöpf1iche Thema, a1s ein fest in sich ge: 
fUgter Eyklus, geistvoll eingeleitet und großs 
artig abgeschlossen, als eine unzerstörbare 
Einheit, trotz der Lockerheit des Zusammen: 
hauges. Und die Absicht der Persiflage, 
wenn sie wirklich vorwaltete, tritt zurück 
gegen die geistreiche Art, wie das Thema 
neu und in ganz selbständiger Auffassung 
behandelt wurde. Fiiglich kommt es ja bei 
jedem Kunstwerk nicht allein auf das an, 
was der Künstler bei der Schaffuug desselben 
zunächst wollte, sondern auch auf das, was 
vielleicht unter dem Zwange bestimmter Au: 
schauungen endlich daraus entstand. Ein 
geistig hochstehender Zeichner wird oft mehr 
aus einem unbestimmten Gefühl als nach 
strengem Plane Scenen herausgreifen und 
zusammenreihen, die uns als Beschauer, 
eben weil sie durch geniale Intuition ent: 
standen sind, als wohldurchdachte Folge er: 
scheinen.    J 
 Wenn Klinger als erstes Blatt den Ab: 
schied Christi von den Seinen gibt.in dem 
Momente, da der Herr seinenJ schweren 
Lebensgang anzutreteu beginnt, so will es 
uns bediinken, also sei 1snit,Weisheitsshier 
jede Erinnerung an die Kindheit d.esPJro,: 
pheten von Nazareth vermieden. Wie wenig 
trägt im Grunde genommen Christi Kind: 
heitsgeschichte zur Kenntnis der geistigen 
Bedeutung des Heilandes beiI 
So beginnt Klinger mit dem eutschei: 
denden Schritte, da Christus seine Familie 
verläßt, um der Menschheit sich zu weihen. 
Ein Stück Weges haben die Frauen ihm 
noch das Geleit gegeben. JeHt, da sie 
sehen, daß sein Entschluß unerschiitterlich, 
sinken sie Wehklagend zusammen. Schon im 
Gehen wendet Christus nochmals sich ernst 
zu ihnen zurück; die mageren, verhiirmten 
Züge zeigen, mit welchem Ernst er sich für 
seine große Reise vorbereitet. Und der Weg, 
die Landschaft, die so öde und steinigt 
vor ihm liegt, scheint wie ein Symbol des
        

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