Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Angelico da Fiesole
Person:
Wingenroth, Max Fiesole, Angelico/da
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-630809
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-631380
Predelle ist nicht so erqnicklich, wie die früher besprochenen: es will uns scheinen, 
als ob der Meister unter dem Eindruck der eben vollendeten großen Figuren mit Bei 
wußtsein die miniaturartig feine Durchführung aufzugeben versuchte, ohne daß er schon 
die Mittel besaß, etwas anderes an die Stelle zu sehen. Viel mag zu diesem Eindruck 
allerdings beitragen, daß die Bilder ihren ursprünglichen Sch1nelz verloren haben und 
so vielleicht bunter und greller erscheinen, als sie ursprünglich waren. Gewiß ist auch 
in ihnen manches Schöne zu finden, so vor allem die zarte Gestalt und der liebliche 
Gestns der Madonna in der Anbetung der Könige. Auf dem Bilde des Marthriums 
S. Marei erkennen wir das Bestreben des Meisters, dem neuen Stile der Architektur 
Rechnung zu tragen, indes noch ohne Gelingen.  Eines aber besiHt dieses Tabernakel, 
das es mit Recht zum Liebling aller gemacht hat und wovor unser Herz aufgeht: die 
wunderlieblichen, beriih1nten musizierenden Engel CAbb. 31s35J. Wer durch die Straßen 
von Florenz wandelt, dem schauen sie aus jedem Kunstladen in farbigen Nachbildungen oder 
Photographien entgegen, in Tausenden erfreulicher und unerfreulicher Kopien werden sie 
von Jtalienreisenden über die Alpen getragen, um in der nordischen Heimat Zeugnis ab; 
zulegen von der Grazie des Quattroeento und von der süßen Kunst des frommen Meisters. 
Und wahrlich, diese Bewunderung kommt ihnen auch zu. Wohl niemals haben die Vor: 
stellungen, die in uns bei dem Worte ,,EngelU auftauchen, solche Berkörperung gefunden 
wie hier und in der Uffizienkrönung. Noch sind die Engel nicht allzu realistifch aufs 
gefaßt, wie schon die der nächsten Generation, deren Erdenschwere uns allenfalls an 
graziöse Florentiner Kinder, aber nicht an himmlische Wesen denken läßt; anderseits sind 
sie auch nicht mehr schematischsgleichgültig wie die des Treeento; ein leichter individueller 
Schimmer liegt über ihnen. Gerade daß dieses Jndividuelle nur erst angedeutet ist, macht 
sie zur typischen Verkörperung des Begriffs Engel und erinnert an jenen Goethischen Vers: 
KnabenI Mitternachtsgeborne, 
Halb erschlossen Geist und Sinn, 
wobei allerdings das Wort ,,Knabenll wcgzustreichen ist, da die Engel Angelicos ges 
sehlechtslose Wesen sind. Dieser Forderung des Geschlechtslosen, für eine ausgereiftere 
Kunst kaum zu erfüllen, ist der Frate wohl am besten nachgekommen.  Durch ihre 
strahlende, himmlische Fröhlichkeit  von schroffen Erdenwegen haben sie keine Spur: 
Glücklich sind wir, 
Jst das Dasein so 
allen, allen 
gelind, 
durch diese Fröhlichkeit unterscheiden sie sich von allen andern Darstellungen, besonders 
von der nervössschmerzlichen und etwas aufgeregten, daher menschlichen Grazie der Engel 
Botticellis, mit denen sie sonst im herrlichen Schwung der Bewegung etwas Gemeinsames 
haben. Doch beachte man auch hier den Unterschied: der ruhige, schöne Faltenschwung 
bei Angelico Cfiehe auch Abb. 42;und die lebhaften, flatternden, krausen Gewänder Botticellis. 
Der Frate selbst hat diese Engel seiner Fiesolaner Zeit kaum wieder erreicht, ge: 
schweige denn übertroffen. Es ist, als ob er selbst, je mehr er mit der Welt in Bei 
rührung kam, und je häufiger er aus der Stille seines Klosters in den Lärm des 
Florentiner und nachmals des römischen Lebens hinaustrat, jene unschuldvolle Fröhlichkeit 
verloren hätte, die bis dahin seine Bilder erfüllt. Was Wunder auch, wenn mit heran: 
nahendem Alter seine Werke stets ernster werden. Auch individualisiert er immer mehr 
seine Gestalten und so ist es begreiflich, daß das ,,halb erschlossen Geist und Sinnt auf 
spätern Stufen seiner Kiinstlerschaft nicht mehr in gleichem Maße wiederkehrt. 
Das große Tabernakel bedeutet einen Wendepunkt im Leben des Künstlers. Wähs 
rend der Arbeit daran scheinen ihm die Augen darüber aufgegangen zu sein, was ihm 
fehlte. Mit aller Kraft seiner Begabung machte er sich an die Bewältigung dieser 
Mängel. Schon in den Heiligen der Flügel hat diese Erkenntnis Frucht getragen. 
Burckhardt spricht einmal von einem Stich des fünfzehnten Jahrhunderts, das einen 
Greis in seiner Zelle studierend darstellt und sieht darin so recht das Motto der nie 
an sich verzweifelnden, aufftrebenden Menschen dieser großen Zeit. Auch für Angelico
        

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