Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Angelico da Fiesole
Person:
Wingenroth, Max Fiesole, Angelico/da
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-630809
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-632168
züge in gesteigertem Maße zeigen. Jn den Sportelli, der Madonna der Frati del Bosco 
und hier finden wir einen letzten großen Schritt über alles Frühere hinaus; er hat sich 
selber übertroffen, sowohl was Jndividualisierung, Darstellung des Gefühlslebens, Richtig: 
keit der Zeichnung, Klarheit und Schönheit der Form betrifft, als insbesondere in der 
Architekturmalerei. Dieser legte Fortschritt ist ein ganz unerwarteter, und wir erkennen 
darin den Eindruc, den Rom und seine Bauten aus den Frate gemacht haben. 
Angelico steht vor uns als eine jener unverwüstlichen Künstlernaturen, deren Fähigs 
keiten sich mit jedem Werk steigern und deren Entwicklung bei ihrem Tode noch nicht 
auf dem absteigenden Ast der Kurve, sondern aus deren Höhepunkt angelangt ist. 
Die Nikolauskapelle war des Meisters Schwanengesang. Aus seinen legten Jahren 
ist uns kein Werk mehr erhalten. Am 14. März 1455 hauchte er, achtundsechzig Jahre 
alt, in Rom seine fromme Seele aus, wenige Tage später, am 27. März, folgte ihm 
sein hoher Gönner, Papst Nikolaus V., im Tode nach.  
Es gibt Maler, bei deren Nennung uns sofort einige Bilder vor Augen stehen, 
als unbedingt höchste Leistungen ihrer Kunst. Als solche müssen von Angelico genannt 
werden: die Andacht zum Kreuze und die Almosenspende. Aber das Bild wäre doch 
einseitig. Nehmen wir indes die Krönung Maria in den Uffizien mit ihren Predellen, 
die musizierenden Engel des Tabernakels und die Madonna von Cortona hinzu, so steht 
der ganze Mann vor uns, die Höhepunkte seines Kiinstlerlebens treten uns vor Augen. 
Wenn wir darauf zurückblicken, so müssen wir sagen, daß seine Entwicklung eine uns 
gemein harmonische gewesen ist. Als er starb, da  so dürfen wir aussprechen, wenn 
es auch recht gefährlich klingt  hatte er sich ausgelebt. Er stand auf der Höhe seines 
Ruhmes, er hätte uns noch mit vielem ähnlichem Gleichwertigen beschenkt, aber weiter 
fortzuschreiten war seiner Jndividualität versagt. Aus sein ganzes Leben zuriickschauend, 
dürfen wir behaupten, daß er im edelsten Sinne des Wortes ein glücklicher Mensch ges 
wesen ist. Er durfte sein Leben dem Höchsten weihen, dem er es weihen konnte, dem 
Dienste Gottes, und keine Störung riß ihn daraus; er durfte seine angeborene Be: 
gabung aufs reichste und ungehindertste ausüben, stets im Dienste seines Jdeales und 
alles aussprechen, was ihn seine Natur zu sagen drängte, kurz: seine Persönlichkeit, die 
bestand in der Hingabe an den, der am Kreuze gestorben, und die Reinheit seiner Seele 
wahren. So können wir ihn statt glücklich .,,engelsgleichE: Angelico nennen. Aus allen 
seinen Werken leuchtet uns der Sonnenschein höherer Seligkeit entgegen, wir müssen 
einen solchen Menschen selig preisen, wie ihn die Kirche zum ,,BeatoU erhoben: als 
Beato Angelico steht er vor unserem Geiste. 
Seine Zeit wußte ihn wohl zu schäHen: wir erwähnten als Beispiel den Brief 
Domenico Venezianos und den Ausspruch in dem Beschluß der Orvietaner. Die größten 
Kunstmäcene haben ihn beschäftigt. Auch die kommenden Generationen wußten, was sie 
an ihm hatten: ein Beweis dafür die hohen Taxierungen seiner Bilder im Jnventare 
der Medici. 
Das ist um so interessantcr, als er eine höchst eigentümliche Stellung in seiner 
Zeit einnahm, als das oft alle anderen Rücksichten überwiegende Streben derselben nach 
getreuer detaillierter Naturnachahmung, Vollendung der Perspektive, stets bessere Zeichnung 
des menschlichen Körpers, die Freude am Nackten, seinen Tendenzen vielfach fremd war. 
Anderes lag ihm im Sinne. Sein Schönheitsgefühl, das Erbe Etruriens, ließ ihn, 
getreu zugleich den Ansichten seines Ordens, wie den späteren Savonarolas, die höchste 
Schönheit der heiligen Gestalten anstreben, aber eine Schönheit fern von dem alltäglich 
Jrdischen. Daher hat er es auch  mit einer Ausnahme  verschmäht, Porträts in 
seinen Bildern anzubringen. Und in dem Schwung der Linien, der Grazie der Ers 
scheinung, dem geschn1ackvolIen Faltenwurf, dem wundervollen, leuchtenden Kolorit, hat
        

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