Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Münchener Malerschule in ihrer Entwickelung seit 1871
Person:
Rosenberg, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-624446
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-625056
Die Schule 
ähnlichen Jnhalts von Knaus und Vautier. Den ,,Ereilten 
FliichtlingenH folgte zunächst der ,,Abgewiesene FreierU, 
das ,,Alte MiitterchenH und das ,,Ländliche Fest in Würtem: 
bergU. Die ,,Weinprobe0, welche drei fchwäbische Bauern 
vor einem großen Stücksasse im Keller abhalten, bezeichnete 
einen großen Fortschritt in der physiognomischen Durch: 
bildung der Köpfe, und die ,,Grundlofe Eifersuchtss, der 
,,Stiirmische Verlobungstag0, die ,,WahlbesprechungH, die 
,,KartenlegerinH und die ,,VerleumdungH CDresdener Ga: 
lerieJ bewegen sich in derselben Richtung aufwärts bei 
einer sich stetig verfeinernden Behandlung des Helldnnkels. 
Auf letzterem Bilde is. die Abbild. auf S. 29J liest man 
aus den mit höchster Lebendigkeit charakterisierten Ge: 
sichtern die Exposition zu einer spannenden Dorfgeschiihte 
heraus. Einem Schaffen, das noch reiche Früchte verhieß, 
wurde Kurzbauer durch einen friihzeitigen Tod entrissen. 
Von den übrigen PilottJschüleru hat noch Adolf Eberle 
Cgeb. 1843J, ein Sohn des Schafmalers Robert Eberle 
 seine Stoffe vorwiegend dem Bauernleben 
entnommen. Durch seine Studien auf der Akademie und 
im Atelier Pilotys entwickelte er seine Fähigkeiten so 
schnell, daß er schon mit achtzehn Jahren durch ein ernstes, 
tiefergreifendes Sittenbild, ,,Die Pfändung der leHten KuhE, 
einen großen Erfolg erzielte. Naihdem er eine zeitlang 
Genrebilder aus dem Kriegerleben, namentlich dem des 
dreißigjährigen Krieges, gemalt, kehrte er wieder zur 
Schilderung des oberbayrischen und tiroler Bauernlebens 
zurück, aus welchem er nur schlichte Motive herausgriff, 
die er jedoch mit feiner Empfindung und, wo es der 
Stoff mit sich brachte, auch mit gefälligem Humor be: 
handelte. In dem Streben nach anmutiger Gestalten: 
bildung begegnet er sich mit Defregger. Der ,,Hochzeits: 
tagt, ,,Nach der TaufeU, der ,,Unterricht auf der ZitherE, 
,,Die alte Jnnsbruckerin und ihre EnkelinU ,,Der Braut: 
tanzt, ,,Das TischgebetU, ,,Der erste RehbockU, ,,Jm 
HundestallU und ,,Das verspätete Mittagessens sind seine 
Hauptbilder, aus welchen Jäger und Bauern der bayeri: 
schen und tiroler Berge in ihrer malerischen Tracht er: 
scheinen. Die unmittelbare Nähe des Gebirges hat schließ: 
lich jeden der neueren Münchener Maler einmal oder öfter 
veranlaßt, Genrebilder aus dem Leben des Berg: und 
Landvolkes zu malen oder doch Studienköpfe aus der fri: 
schen Natur herauszugreifen.  Auch der erste, erfolgreichste 
und fruchtbarste Humorist der Pilotyschnle, Eduard 
GriitHner, hat die. populären Figuren seiner zahl2 
reichen Genrebilder wohl mehr auf dem Lande, als 
unter den hanptstädtischen Modellen gefunden. Geboren 
1846 in Groß:Carlowitz bei Neiße in Schlesien als der 
Sohn eines katholischen Bauern, war er von dem Vater 
für den geistlichen Stand bestimmt worden, obwohl er 
schon früh eine ungewöhnliche Begabung für das Zeichnen 
an den Tag gelegt hatte. Als die Zeit herannahte, wo 
er in das Priesterseminar eintreten sollte, erklärte er dem 
Vater seine,entschiedene Abneigung gegen den geistlichen 
Stand. Es wäre ihm jeht nichts anderes übrig geblieben, 
als sich der Landwirtschaft zu widmen, wenn nicht der 
aus Schlesien gebürtige Münchener Architekt Hirschberg 
bei einem Besuche seiner Heimat zufällig die ersten Kon1: 
positionen des jungen GrüZner zu Gesicht bekommen hätte. 
Er nahm sie mit nach München und legte sie Piloty vor, 
welcher das darin bekundete Talent der Aufmunterung und 
Pflege für würdig erachtete. Da Hirschberg dem jungen 
Schlesier die nötigen Mittel vorstreckte, ging dieser nach 
München, absolvierte die Akademie und trat 1866 in das 
Atelier Pilotys. Es dauerte noch einige Zeit, bis sich 
seine Eigenart entwickelte, von der weder in einem deko: 
rativen Deckenbilde für Hirschbergs Haus, die sieben freien 
Künste darstellend, noch in einem historischen Gemälde, 
das er in Pilotys Atelier ausführen mußte, etwas zu 
spüren war. Es gehörte nämlich zu dem Lehrplane Pilotys, 
daß jeder Schüler sein malerifches Können an irgend einem 
wo möglich tragischen Gegenstande aus der Weltgeschichte 
erproben mußte. Niemand kam, wie es im Atelier hieß, 
um einen solchen ,,Unglücksfallst herum, und wie Makart 
einen Lavoisier im Gefängnis, so malte Grützzner eine 
,,Geißelung Heinrich II. am Grabe Thomas BecketsD, ob: 
wohl er sich über Kasteiungen und ähnliche Religions: 
übungen bereits eine völlig entgegengesetg,te Meinung ge: 
bildet hatte. Zugleich mit jenem historischen Gemälde 
arbeitete er an einer Szene aus dem Klosterleben, deren 
frischer Humor so überzeugend wirkte, daß Grük3ner nicht 
mehrs über das Feld seines Schaffens in Zweifel fein 
konnte. Er entdeckte ein neues Stoffgebiet, welches für 
ihn so ergiebig war, daß er demselben bis auf den heutigen 
Tag, also fast zwanzig Jahre hindurch, eine lange Reihe 
von Bildern entnommen hat, deren stofflicher Reiz, trotz: 
dem sich manche Figuren und Situationen wiederholen, 
immer noch seine drastische Wirkung übt. Neben den 
Szenen aus dem Klosterleben interessierten ihn zu Ende 
der sechsziger Jahre besonders Falstaff und feine Gesellen, 
deren drollige Abenteuer in der Kneipe und bei den 
Frauen er mehrfach darftellte und die er schließlich in 
einer Reihe von sieben, später durch die Photographie 
vervielfältigten Kartons unter dem Titel ,,Sir John 
Falstaff zusammenfaßte. 
Die Bilder aus dem Stillleben der Mönche, deren
        

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