Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Münchener Malerschule in ihrer Entwickelung seit 1871
Person:
Rosenberg, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-624446
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-625928
ThiSkfs12s 
Tudwig 
PtIpperij3. 
Augustin 
Geiger. 
malt und von dieser Beschäftigung wohl den fahlen, matten 
Ton angenommen, welcher seine Olgemälde kennzeichnet. 
In dem oben genannten hat er nach dem Lukasevangelium 
den Augenblick dargestellt, wo Christus, unter der Last des 
Kreuzes zusan1mengebrochen, den klagenden Frauen zurust: 
,,Weinet nicht über mithin Mit der flauen, süßlichen 
Färbung stimmt die konventionelle Auffassung der Figuren 
überein, welche zuweist aus das Studium von Raffael und 
Guido Reni zurückführen. Auf das Gemälde von Papperit;3 
haben die Venezianer, insbesondere Paul Veronese, ein: 
gewirkt. Weder in der Komposition noch in der Eharak: 
teristik der Figuren ist Papperih über seine Vorbilder 
hinausgekommen. Nur in der Geziertheit der Haltung und 
in dem Arrangement der Gewänder macht sich ein moderner, 
theatralischer Zug geltend. Ja dem Schaffen des 1846 
zu Dresden geboreuen Künstlers, der feine Studien auf 
den Akaden1ieen zu Dresden und Antwerpeu, dann in 
Paris und Venedig gemacht hat, bildet dieses religiöse 
Gemälde nur eine Episode. Er ist kein ,,HeiligenmalerH 
von Beruf. Sein erstes größeres Bild, ,,Die Ankunft in 
der UnterweltE C1879J, war sogar eine mythologische Kam: 
Position, in welcher sich Erinnerungen an Michelangelo, 
Tintoretto und Giulio Ron1ano begegneten, und später hat 
Papperiy auch Bildnisse, Stndienköpfe schmachtender Damen 
und Genrebilder mit reicher Kostümentfaltung CJm Atelier, 
Die Schweden kommen, Nach dem Diner, Die.Ankunft der 
PrimadonnaJ gemalt, welche mehr für seine malerische 
Vielseitigkeit als für die Einheit und Energie seines künst: 
lerischen Strebens sprechen. Auch Easpar Augustin Geiger 
C1847 zu Lauingen geborenJ, ein Schüler der Münchener 
Akademie und besonders von Strähuber, Raub und Diez, 
von welchem lek3teren er freilich nur wenig angenommen 
hat, ist mit einem 1886 ausgestellten ,,Chriftus und Judas 
Jschariothtt, zwei lebensgroßen, bis zu den Knieen ficht: 
baren Figuren in einer Abendlandschast, nur zufällig auf 
das religiöse Gebiet geraten, obwohl es seinem Heiland, 
der den Kuß des Verräters mit erhabener Ruhe abwehrt, 
nicht an Majeftät und Würde gebricht. Es fehlt aber die 
tiefe, inbrünstige Empfindung, welche solche Darftellungen 
über den Wert des akademischen Hiftoriengemäldes empor: 
hebt. Bei einer gleichzeitig ausgeftellten mythologischen 
Szene, ,,Venus und AmorM in einem üppigen Marmor: 
bade, auch in einer Abendlandschaft, war Geiger ungleich 
mehr in seinem Elemente, in dem der Schilderung heiteren 
Lebens: und Sinnengenusses, welches auch bis dahin in 
allen seinen Bildern, den Genreszenen ,,Lazzaroni in einer 
SchenkeU, ,,Der ViolinspielerU, ,,Der Falknerss, ,,Die Man: 
dolinenspielerinU und die ,,Verehrung des DionysosU über: 
wogen hatte. 
Die Geschichte der Münchener Malerschule hat sich seit 
dem Auftreten Pilotys bis auf den heutigen Tag beständig 
in aufsteigender Linie entwickelt. Seit einem Menschen: 
alter ist die Münchener Akademie der Mittelpunkt einer 
vielseitigen Lehrthätigkeit, welche immer neue Ziele er: 
öffnet und deshalb eine immer neue Anziehungskraft übt, 
die durch eine Fülle von lokalen, in der Natur wie im 
Volkstum liegenden Reizen noch verstärkt wird. Die 
Münchener Künstlerschaft hat es verstanden, durch Verein: 
staltung von nationalen und internationalen Kunstaus: 
stellungen dem wüsten Jahrmarktstreiben der Gegenwart 
einen festeren Halt zu geben und in dem unaufhörlichen 
Wirrwarr Marksteine zu legen, welche für den Geschichts: 
schreiber der Kunst erkennbar und wertvoll sind. Von 
München ist endlich eine Bewegung ausgegangen, welche 
unsre Kunst zu einer neuen Naturaufsassung führt, die, 
wenn Kraft des Genies und Ehrlichkeit der Begeisterung 
als Wahrzeichen für die Zukunft zu deuten sind, nach 
menschlicher Voraussicht das kommende Jahrhundert be: 
herrschen dürfte, wenn diese neue Anschauung der Natur 
auch noch manche Läuterungen und Klärungen durchzu: 
machen haben wird. 
Rofenberg, 
Die Münchener Schule. 
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