Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Münchener Malerschule in ihrer Entwickelung seit 1871
Person:
Rosenberg, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-624446
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-624686
C1855, Münchener PinakothekkJ ist das Musterbeispiel 
dieser Gattung von Pilotys Werken, welches er weder in 
dem ,,Galilei im GefängnisU C1861J, noch in dem ,,Kolumbus 
vor der Entdeckung Amerikasss C1866J, noch in dem jungen 
römischen Augur, welcher einen Liebe und Wehmut zurück: 
strahlenden Abschiedsblick auf die Leiche einer im Circus 
getöteten, christlichen Märtyrerin wirft C,,Unter der AreuaU, 
1882, s. die Abbildung auf S. 4J, übertraf. 
Pilotys starke Betonung des Nebensächlichen, welche 
namentlich bei seinen Erftlingswerken von den Zeitgenossen 
heftig getadelt wurde, erscheint uns heute in einem milderen 
Lichte. Sie war die natürliche Reaktion gegen die einseitige 
Bevorzugung des geistigen oder eigentlich rein spiritua: 
listischen Moments, welche den realen Rahmen, in welchem 
Menschen und Dinge erscheinen, bis zur Aufopferung 
der gesunden Vernunft verleugnete. Es ist ein GeseH 
der naturgemäßen geschichtlicheu Entwicklung, daß einer 
Übertreibung eine andere i1n entgegengesetzten Sinne folgt 
nnd daß aus dem Kampfe zweier Extreme ein harmonisches 
drittes herauswächst, welches die Vorzüge beider Ruh: 
tungen verbindet, um daran die Keime einer Neubildung 
anzusehen. Jn einem Punkte waren übrigens die Vertreter 
der Extreme, die Formenstilisten nnd die Farbenrealisten, 
verwandt: in der Neigung zum theatralischen Pathos, 
welchem beide die Hauptwirkung des Historienbildes zu: 
schrieben. Diesem Jrrtume, der zum Teil auch durch die 
Grenzen feiner Begabung bedingt worden ist, hatte Piloty 
das allmälige Sinken seines Künstlerruhms und die hef: 
tigen Kämpfe um die Behauptung desselben zuzuschreiben. 
Wohl riefen Gen1älde wie ,,Nero auf den Trümmern 
Roms, C1861J, ,,Die Ermordung CäsarsH C1865J und 
,,Thusnelda im Triumphzuge des Geri11a11icusss C1873, 
Pinakothek zu MünchenJ eine lebhafte Bewegung hervor; 
aber es war immer ein Streit, der sich um denselben 
Punkt drehte, um die Vernachlässigung des geistigen 
Elementes gegenüber dem Streben nach voller, womöglich 
betäubender koloristischer Wirkung. Jn der Zwischenzeit  
kamen auch Bilder zum Vorschein, welche, wenn auch nicht  
Abnahme malerischer Kraft, so doch ein Schwanken zwischen  
verschiedenen Richtungen erkennen ließen. In den Jahren  
1856..1858 war Piloty in Frankreich, England und  
Jtalieu gewesen. Er hatte in Paris die späteren Werke  
des Delaroche und der ihm verwandten Hiftorienmaler, 
wie Robert Fleury, kennen gelernt und daraus die Meinung  
gewonnen, daß durch eine reichere und blühendere Farben:  
 O Abbildung in den ,,K1msthiswr. Vi1dekkmgeuss, 1. Suppk2,  
1nent, Taf. 57.  
 Wirkung noch mehr erreicht werden könne, als durG die 
Gegenüberstellung von großen Licht: und Schattenmassen, 
von breiten Flächen ungebrochener Töne. Diese neuen 
Versuche, die sich auf Bilder kleineren Maßstabes be: 
 fchränkten, führten leider meist zu unerfreulicher Buntheit 
 und flaner Gesamtfärbung. ,,Wallensteins Zug nach Eger0 
C1861J und die ,,Fahrt der Girondisten zum SchaffotH 
C1879J stehen das eine am Anfang, das andere am Ende 
dieser Reihe von Bildern, welche übrigens mehr Nach: 
ahmer gefunden haben, als .Pilotys große Kompositionen 
monumentalen Charakters.  
Mit den ,,GirondistenH und der ,,Thusnelda im Triumph: 
zog des GermanicnsH sind wir bereits in die Periode der 
Münchener Malerei gekommen, welche den Gegenstand dieser 
Darstellung bilden soll. Als die ,,ThusneldaU auf der 
Wiener Weltausstellung von 1873 erschien, stand Piloty 
auf der Höhe seines Ruhms, aber zugleich auch in einer 
gefiihrliihen Krise seines Schaffens. Der genialste und 
kiihnste seiner Schüler hatte, nach anfänglichem Umhertasten 
auf einem noch unsicheren Gebiete, in raschem Sturmlauf 
den Meister überholt und die Lehre vom reinen Koloris: 
mus als der höchsten Entwicklungsform malerischer Dar: 
stelluug proklamiert. Hans Makart aus Salzburg s184O 
bis 1884J vertrat im Gegensatz zu der nüchternen, auf 
treuer Wiedergabe des Gegenstiindlichen geriEhteten Schil: 
derungsmanier Pilotys mit feuriger Beredfamkeit die Rechte 
einer aus dem Vollen sohaffenden Phantasie. Mit Makart 
trat eine völlig neue Art von Jdealismus in die Malerei 
großen Stils. Wohl waren die Venezianer feine nächsten 
Vorbilder gewesen. Aber Tizian, Palma, Veronefe und 
Tintoretto hielten Farbe und Form noch in einem gewissen 
Gleichgewicht, sodaß wenigstens die Konturen der Körper 
und ihre Rundungeu nicht unter dem Spiele des Lichtes 
und dem Zauber des Kolorits in das Weseulofe und 
SEhattenhafte zerflossen. Makart löste dagegen in seinen 
Erstlingsbildern, den kleinen romantischen Phantasien ,,Der 
Ritter und die NixenU nnd ,,Die ElfenköuiginE wie in 
den cyklischen Darstellungen, die seinen Ruhm begrün: 
deren, den ,,Modernen AmorettenU und den ,,Sieben Tod: 
sündenH, die Umrisse der Figuren in einen farbigen Schimmer 
auf, welcher sich wie ein durchsichtiger Schleier über die 
Komposition legte und den Figuren den Charakter visionärer 
Erscheinungen gab. Eine so durchgreifende Umwälzung 
des bisherigen koloristischen Systems, welche alle Kunst: 
kreise Deutschlands zu leidensthaftlicher Parteinahme für 
und wider entflammte, wirkte natürlich auf die nächste 
Umgebung des Revolutionärs auch am tiefsten. Selbst Piloty 
unterlag dieser Einwirkung, die sich am dentlichsten in 
IV
        

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