Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
von K bis Z
Person:
Sulzer, Johann Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-616996
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-623434
Ue b 
Ueb 
1I95 
vielmehr hindernde als befördernde Anhäufung des 
Guten oder Bösen, des Angenehmen oder Wiedrigen. 
Wenn jemand geringer Sachen halber mit hohem 
Lob , oder schiveerem Tadel überhäuft wird; so Ver: 
fehlt das Lob. oder die singe den Zwek, und anslatt 
davon gerühret zu werden, wird man Verdrießlich. 
Ueberhaupt bestehn dieses IIebertriebene darin, daß 
man zu Erreichnng seines Ztvels. mehr thut, als 
man thun sollte, und sein GeTchüz überladet, daß 
es entweder zerspringt, oder sonst feine Wiirkung 
verliehrrt. Mancher will uns vergnügt machen, 
und schweift so aus, daß wir verdrießlich werden; 
oder er will unser Mitleiden ertveken, und bewiirtt 
nur AbstkMi 
 Das Uebertriebene der ersiern Art, entflohe: aus 
Mangel der. Beurtheilung. Wer die Schranken, 
die in der Natur jeder Art der vorhandenen Dinge 
vorgeschrieben sind, nicht zu bemerken im Stand isi, 
wird von seiner lebhaften, Phantasie leicht i3erleitet, 
ihnen Eigensihaften anzudtchten, die das sIJIaas.i ihrer 
Kräfte übersihreiten.s Es isklalso fiirnehnilich ein 
Fehler schwachcr Köpfe Von etwas wilder Einbil: 
sdungslraft, daß sie alles über die Maasse vergrös; 
fern, oder verileinern; weil sie die wahren Kräfte 
der Natur nicht kennen. Doch kann auch ein all; 
getneines Vorurtheil der Zeit scharfs,nnige Köpfe zu 
diesem Uebertriehenen verleiten. Wenigstens kann 
man den Cornrille , der die Charaktere seiner trage 
schen Helden sehr oft übertreibet, nioht des Mangels 
an Einsicht und Scharfsinn besihuldigeu,: aber der 
Geschmak seiner Zeit war noch etwas tomanhaft 
und abentheuerlich. 
Die andere Art des Ueberkriebenen scheinet ans 
Mangel des feineren, oder des richtigen Gcfühles 
zu entstehen.  Es giebt Menschen voniso schivachem 
Gefühl, daß ihnen rein Gegenstand in seinen na; 
xiirlichen Schranken groß oder schön genug isi; sie 
merken nicht, daß ein Mensch betrübt ist, wenn er 
nicht kindisch klagt und weint; oder daß er zornig 
ist, wenn er nicht rasct und alles um sich herum 
zersiöhret. Darum übertreiben sie auch alles, wenn 
sie andre in Empfindung sezen wollen. Ein lautes 
Geschrei; machen, heißt bei; ihnen verständlich reden; 
heulen nennen sie weinen; gcwaltsame Sprünge 
und Getsehrden, sind ihnen Ti1szs Hingegen ist falle 
Größe nach ihrem sisnnpfen Gefühl, Mangel an 
LcM1; ein tiefsizender Schmerz, 1lnei1ipsindlnhlrit; 
ein fanftcs, aber innigliches Vergniigeu, Gleich: 
ZweYtcr Theil. 
gültigkeit. JtI.diesem Fast arm das ui:tsekkkieoms 
ins Grobe und Pöbelhafte aus; denn insgemcin 
fehlet dem Pöbel das feinere Gefühl, das Stoße, das 
mehr den innern , als den äußern Sinnen empfinde 
bar ist, zu bemerken. Daher kommt in den Trae 
gödien das Heulen und Wehklagen, wodurch einige 
rühren, das Abscheuliche in Schandthaten, wodurch 
sie Abscheu erweken, und das Entsezliche und Ge; 
waltsanie in den Unternehmungen, wodurch ne Furcht 
oder Bewundrung erregen wollen.  
Das Uebertriebene kann aber auch aus einem vers 
zcirtelten Geschtnak und Weichliehkeit herkommen. 
Wie es Menschen von stampfen: Gefühl giebt, deren 
Seele ein hartes Gehör hat, das nichts Vernihmt, 
wenn man nicht übertuaßig schreite; so giebt es auch 
in: Gegentheile solche, die den blödpTkhtigen gleichen, 
die vom hellen Tagesltchte geblendet werden und nicht 
eher, als in der Dcitnmerung die Augen aufthun. 
Diese sind gewohnt die Sachen ins Kleine zu über;i 
treiben; und allessso zu verfeinern, daß es seine 
natürliche Kraft verliehret. Es geht ihnen, wie 
den Wollü1ilingcn , die keinen Geschmak an natür: 
lich wolschntekendcn Speisen mehr haben. Sie wol: 
lett nicht vergnügt, sondern sinnlich entzükt seyn; 
statt einer ruhigen Empfindung der Zärtlichkeit, sehe 
neu sie sich nach gattzlicher Zrrsließung des Herzens. 
Deswegen suchen sie alles so sehr. zu Verfeinern, daß 
sie nur noch die O.uintesTcnz der Dinge behalten. 
Daher kommt so Viel übertriebener Wie, so, viel 
übernatürliche Spizfündigkeit der Empfindung, so 
viel woltüsiige Ktiniteleh in Wendung und Ausdruk, 
so viel shbariiische Schonung, wo das Herz mit einis 
get Dreistigkett sollte angegriffen werden. 
Atti meinen zeiget sieh diese übertriebene Verfeine; 
rang in der gegenwärtigen Musik, besonders in den 
OMM, M M M1fsI.the das Herz einnehntendc Sie; 
sang gänzlich verdrängt ist und einettt blos wol:iisii: 
gen Kklzelt1 des Gehöres hat weichen ntiTissen.s. Es 
scheinet, daß mancher Sänger völlig vergessen habe, 
daß er dieiGetttüthe.r der k;4uhörer in En1pi7ndung zu 
sezen habe, und daß er sein Verdienst darin suche, wie 
eine Rach:igal zu gurgeln, oder seine Stitnine.so 
hoih zu treiben, als ein Canarienvogel.  
Dieses ist die sch5:nime1te Art des Uebertriebenen, 
weil es den Menschen allmählig des natürlichen Ge; 
fühles beras.;det nnd ihn gewöhnt gleichsam von Luft 
zu luden , oder si.h von DiinFen zu nähren, die 
doch keine Nahrung geben. Jnsgetnein schleicht sich 
Kllk kkk dieses
        

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