Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
von K bis Z
Person:
Sulzer, Johann Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-616996
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-622379
Sit 
Sit 
1o89 
Ausleger haben sehr verschiedene Meinungen über 
das, was der Philosoph durch gute Sitten versieht. 
sEine sehr vernünftige Auslegung der Regeln, die 
 Aristoteles über die Sitten vorschreibet, hat unser 
Breit. BreitinsEV gesehm, auf den ich den Leser verweist. G 
;t;stk;sW Wir finden, daß die Regeln von Behandlung 
k,. k;, der Sitten überhaupt, sich aus folgende bringen las: 
:hnitt. sen. Eriilich müssen sie wahrscheinlich sehn; weil 
wirgar bald die Aufmerksamkeit dein entziehen, was 
 uns nicht wahr, oder wiirklichsdiiiikt.. Einen M; 
  mer aus den alten Zeiten der Republik so inanieri 
lich handeln zu lassen, als einen heutigen französischen 
Hofmann; oder einen König so bedächtlich und so 
blöde handeln zu lasnn, als einen spizfündigen Mein 
schen, der nie unter Menschen gelebt hat, würd uns 
gleich abschreken, weiter auf das was geschieht, Ach: 
tung zu geben. Zwehtens müssen die Sitten weder 
im Guten noch im Bösen, weder im Einfachen, noch 
Verfeinerten übertrieben seyn. Sind sie absehen: 
lich, so wird das Werk ansiößig, und man sindet 
sich gezwungen dies Augen davon ivegzuwenden. 
 Sind sie übermenschlirh vollkonunen, so werden sie 
, phantasiisch. Dieses gilt vornehmlich von Sitten, 
 die man zur Nachahmung, als Muster abbildet. 
Und in dieser Absicht können sie auch schlecht werden, 
wenn man das Feine darin überrreibet, weil sie als; 
denn gar leicht in das Geziehrte, Wcichlithe, oder 
 iSpizfündigel ausarten. Es gehört ungeinein viel 
Verstand und Kenntnis der Welt dazu, in den Sit: 
ten nichts zu übertreiben. 
 Drittens müsßn sie. in Ansehung der Zeit, des 
Orts und der Personen, für die ein Werk vornehm: 
lich benimmt ist, nichts unschiklirhes und anstößiges 
haben. Auf unsrer Schaubühne würden versetzte: 
dene Sitten, die Plautus auf seiner Bühne geschil: 
Mk hat, sehr ansehnlich seyn. Das, woran ge: 
sezte Männer Ach sehr unschädlich ergözen, kann für 
 I dieJugend fEhk CMsk13ßig sehn. Die tragische Bühne 
 erfodert andere Sitten, als die comische u. s. w. 
  Viertens müssen siebet; einer Person, den Meer: 
schen von einerlei: Stand, von einerlei; Volk, mit 
dem allgemeinen GOiMg Wes Charakters überein: 
siiunnend sehn. Aber in den Sitten verschiedener 
Menschen, Stände und Völker muß auEh Mannigs 
faltigkeit und Verschiedenheit herrschen. Man ers 
 kennet san jedem Helden des Hotners die Sitten der 
damaligen Griechen, aber feiner gleicher dein ans 
dein, und die Jlias enthält bei, der allgemeinen 
Aehnlichkeit der Sitten eine sbieivundrungsivürdige 
Mannigfaltigkeit derselben, in den verschiedenen 
Personen.  
s. S i t t l ich. 
. C Schöne Ki1nsiesJ 
Bezeichnet zwar alles, was zu den Sitten gehös 
ret., aber das Wort wird auch besonders im Ge: 
gensaz des Leidensihaftlichen gebraucht, so wie die 
Griechen das Mo; von dem nasse unterschieden has 
ben, und in diesem Sinn haben wir es an vielen 
Stellen dieses Werks gebraucht. Demnach ist das 
Sittliche in Werken des Geschmaks das, was uns 
Vorstellungen von Sitten, von Gesinnungen, Glis 
niüthsart, Handlungsweise nnd Maximen erwe; 
ket, in so fern sich dabeh keine merklich starke Lei: 
denschaften äußern; oder iiberhaupt, was uns den 
Menschen in einem ruhigem Gemiithszusiand vors: 
stellt. Es giebt also sittliche Schilderungen, sittli: 
ehe Aeußerungen, eine sittliche Schreibart, wieses 
eine pathetische giebt. 
Das Sittliche rühret mit weniger Kraft, als das 
Leidenschaftliche; es kann nie erschüttern, nie das 
Herz zerreißen, noch in heftige Bewundrung sezen. 
Aber man würdeisirh sehr irren, wenn man daraus 
schließen wollte, es. habe überhaupt in den schönen 
Kiinsien einen geringem Werth, als das Leidenschaft: 
liche. Nur auf, Menschen von etwas gröberen 
Stoffe, die nicht sehr empsindsam sind, kann man 
nicht anders, als durch das Leidenschaftliche wär: 
ten; aber feinere Gemächer werden auch durch das 
blos sittliche, zwar nicht ungestühm, aber doch un: 
wiedersiehlich angegriffen. Es geht in der sittlichen 
Welt, wie in der körperlichen. Wenigdenkende, 
unachtsanie und Unwissende Menschen werden nur 
von außerordentlichen sehr stark in die Sinnen fal; 
lenden Begebenheiten der Natur, durch Sturm, 
Donner, Erdbeben, Feuersbrünsie und dergleichen, 
zu einiger Aufmerksamkeit und Empfindung gereizt; 
weniger in die Augen fallende Dinge, als die betvnn: 
drungsiviirdige Ordnung, nach welcher alles,lwas 
zur Erhaltung nnd Fortpsianzung der Geschöpfe nd: 
thig ist, unvermerkt beiviirkt wird ,s rühren sie nicht; 
abersDenker, feinere und emptindsamere MensthMs 
Enden in.diesen siilleren Begebenheiten einen weit 
reichem Stoff zum Vergnügen: nnd zur stillem Be: 
wundrung, als in jenen ransihenden. So iß es 
auch in dem Reiche des Geschinaks. Eine Evens: 
die,
        

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