Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
von K bis Z
Person:
Sulzer, Johann Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-616996
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-621402
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Müh 
Müh 
W S. 
tcdrende 
Rede. 
Ueberzeugung noch nicht hinlänglich; behdes muß 
mit Rührung verbunden werden, damit die fee: 
nere Absicht, nämlich die Erwelung der Leiden; 
fthaft, erreicht werde. 
Der nährende Redner, der durch den Verstand 
ans Herz zu kommen sucht, hat niitidem lehrenden 
das gemein, daß er entweder einen Begriff entwi7 
kelt, oder ein Urtheil fällt, oder einen Schluß be; 
fiätiget O, auch muß er, wie dieser, dabei; nicht 
nach der strengen Methode des forschenden Philoso: 
phen, sondern nach einer sinnlichern Vernunftlehre 
verfahren. Er kann sich alles zueignen, was in 
dem angeführten Ort, hierüber ist gesagt worden. 
Ueber dieses aber hat er noch etwas nöthig, das der 
blos lehrende Redner nicht braucht, die unmittelbare 
Anwendung seiner Vorstellungen auf die Leiden: 
schaft, die der .Hauptzwek seiner Red ist. Er muß 
seinem lehreuden Vortrag die besondere Kraft zu ge: 
den wissen, die diese Leidenschaft hervorbringen da 
der blos lehrende Redner schon zufrieden, ist, wenn 
seine Lehre überhaupt würksatniund sinnlich ist. Da: 
durch wird die Wahl seiner Gedanken, der Ausdcuk 
derselben, der Ton nnd der Vortrag viel genauer  
beskiinmt.   
unt den Unterschied der drei; Arten des lehrenden 
Vortrages deutlicher zu machen, stelle man siih dies 
sen besondern drehfachen Fall vor, daß derPhilosoph, 
der lehrende und der riihrende Redner einerlei; In: 
halt gewählt haben, als z. B. die Ungerechtigkeit 
einer gewissen Handlung darznthun. Hier sucht 
der Philosoph auf das. deutlichsie zu zeigen, daß sie 
das Recht andrer Menschen verlezt, und begnüge: 
sich seinen Zuhörer so weit gebracht zu haben, daß 
er die Ungerechtigkeit der Sach eingesiehen muß, und 
daß ihm kein Zweifel mehr dabeh, übrig ist. Ob 
übrigens diese Wahrheit in dem Getnüth ein Gefühl 
zuriiklasse, oder. nicht, darum bekümmert sich der 
Philosoph, in so fern er sich genau in seinen Schrani 
ken hält, nicht.ss Die Absicht des Moralisien, der 
eigentlich der lehrende Redner ist, erntest sich weis 
ter; denn er fUtht dieser Wahrheit eine würksame 
Kraft zu gehen, und sich seinen Zuhörer so einzuprä: 
gen, daß ein dauernder Abscheu gegen eine Hand: 
lung dieser Art, in ihm .erwekt werde. Der rühi 
rende Redner hat eine noch näher besiiminte Absicht; 
er will Schaut oder Zorn erweken; die Leidenschaft 
soll aus den: Anschauen der ungerechten Handlung 
entstehen, und stark genug seyn, EVEN Es SUCH Viel 
Anstrengung erfoderte, das Unrecht wieder gut zu 
machen, oder sich demselben kräftig zu iviedersezen. 
Da inüssen also die Vorslellungensiveit lebhafter seyn, 
als in dem vorhergehenden Falle. 
Hiedurch ist überhaupt die Gattung des rührenden 
Unierrichts bestimmt. Die Mittel, welche der Lieds 
ner dazu anivendet, können hier nicht ausführlich be; 
schrieben, sondern nur überhaupt angezeiget werden. 
Das erste und vornehmste ist, daß er selbst seinen 
Gegenstand von der Seite, oder in dein Lichte ge: 
faßt habe, wodurch die Leidenschaft in ihm lebhaft 
erivekt worden, Wenn er selbst von seinem Gegen: 
stand so gerührt ist, wie er seine Zuhbrer davon ges 
rührt zu sehen wünschet, so wird es ihm leicht, ihn 
in der Nähe, mit dem Leben und in dem Lichte zu 
schildern, die zu der starken Rührung die er zur Ab; 
sieht hat, nothwendig ist. Man siehet täglich, wie 
Freude, Furcht, Verlangen und andre Lseidenschaf: 
ten, selbst in dem Munde sonst unberedter Mem 
sehen; alle Bescbreibungen vergrößern; wie sie den 
Erzählungen ein Leben, und den Urtheilen das Ges 
präg der Unfehlbarteit geben. Also ist der beste 
Rath den man dem Redner geben kann, dieser, 
daß er seine Materie so lang ülierdenke, sie so Von 
allen Seiten, und in allen Verbindungen mit sittlis 
eben oder politiüben Angelegenheiten betrachte, bis 
er selbst deii Gesichtspunkt gefunden hat, der ihn in 
die Leidenschaft sezt, die er eriveten will. Diese wird 
denn seine Sande, die ihm Gedanken, Ansdrnk nnd 
Ton, die er sonst vergeblich gesucht hätte, einsieht. 
.Hierniiehsi ist nothwendig, daß er sich die Lage der 
Sachen nach den besondern Umständen in,Riiksicht 
auf seine 8uhörer, auf deren Charakter und Jntei 
sresse, so genau bestimmt, als ihm nur möglich ist, 
vorstelle. Denn dadurch erkennt er, was für eine 
besondere Wahl er unter den iiiancherleij Vorsielluni 
gen, die sein Inhalt ihm darbiethet, für jede Gar: 
tiing der Zuhörer, anzustellen habe.   
Daß dem richtenden Redner zu der Wahl der 
Gedanken eine genaue Kenntnis des Menschen, aller 
Leidenschaften und der Tiefen des Herzens übers 
haupi nöthig sey, ist zu offenbar, als daß es einer 
besondern Ausführung bedürfe.  
Ueberhaupt erhellet hier, daß die rührende Rede, 
wenn die Leidenschaft durch Entwertung des Gegeiis 
gensiandes soll erregt werden, einen Mann von groß 
 sen und seltenen Gaben erfoderis. Verstand und Herz 
müssen den ihm iion.vorzüglicber Größe, dabei; aber; 
  mi
        

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