Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
von K bis Z
Person:
Sulzer, Johann Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-616996
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-621172
Wes 
RGO 
965s 
geln haben. Es gEschi2h2t nicht von ungefähr, daß 
die Füße so und nicht anders gesezt werden, daß 
jeder Mensch fEMEU.sSChritt hat, und daß beym 
Gehen ein Schritt so weit oder lang ist, als ein an: 
dies. sW0s Winde Es nun, um des Himmels wir, 
tell, fI3V TM UUi7M1Tgls Unternehmen sehn, wenn 
1MIU Die Theorie dieser Kunst entivikeln, alle Regeln 
deflYIbM EkfDltfchen, und dann die Kinder anhalten 
lvvIlkl, nach diesen Regeln gehen zu lernen2,, 
 Erstlich ist offenbar, daß dieses völlig unnüz 
wäre; weil jedes gesunde Kind, Von Anfang der 
Welt an, bis ans diesen Tag, ohne diese Theorie 
gehen gelernthat, und weil ein lahmes Kind, durch sie 
nimmermehr wird gehen lernen. Aber sie wärInicht 
blos unnüz, sondern schädlich. Denn ohne Zweifel 
würden sich hier und da pedantische Aminen sinden, 
cdenn die Pedantereh ist nicht blos den Gelehrten 
eigenJ die ihr Kind, nach diesen Regeln würde un: 
.terrichten. Wehe denn dem armen Kind; es wird 
entweder gar nicht, oder sehr Viel später, als an: 
dere gehen lernen. Denn wenn wir auch sezen, es 
sey schon klug genug alle Regeln des Gehens zu 
fassen und zu behalten, was für ein jät:nnerli: 
ches Gehen wird das nicht sehn, wenn der kleine 
Fuß keine Bewegung machen und keine Stellung 
annehmen soll , als bis das arme Kind die Regel 
davon hergesagt, oder doch der Länge nach, her; 
gcdc1chC hslt2sI  
,,Daß dieses gerade der Fall der Kunsitheorien 
sey, darf ich dir nicht lang beweisen. Es liegt am 
Tage, daß Künsiler Von gesundem Genie, ohne ent: 
wiielte Theorie fürtresliche Werke verfertiget haben, 
und noch izt verfertigen, gerade so, wie die Kinder 
die Kunst des Gehens gelernt haben, und noch leis: 
nen. Es liegt ferner am Tage, wie schnell und 
glüklich der in Begeisierung gesezte Künstler, das 
was zu seinem Werk nöthig ist, ersindet, und dein 
Werk einVerleibet,. und daß es ihm zu unendlicher 
Besihwerde gereichen würde, nicht eher fortznfahren, 
pkz pp die Regeln für jeden Fall in .Uebetlegung ge: 
nonnnen hätte. Ei 
,,Und so. hoKe ich erwiesen zu haben, daß ent: 
wikelte Theorien und Regeln dem Künsiler nicht 
blos unniiz, sondern schädlich sind. El 
So scheinet es: doch müssDn wir sehen, ob nicht 
irgend in deinem Beyspiehle Vom Gehen, etwas sey, 
wodurch die Anwendung auf unsere Frage unschiklich, 
und der daraus gezogene Schluß nnrichcig werde. 
Ich will ohne Sopbistekey, nnd ohne das, was 
ich behaupte, zu erscbleitben, die Kunst des Gehens 
auch als einen ähnliches Fall vor mich nehmen. 
Wären die schönen Künste eben so genau an die 
natürlichen und nothwendigsien Bedürfnisse des Mem 
sahen gebunden, als die Kunst des Gehens, so,wiirde 
die Natur ohne Zweifel jedem Menschen das Genie 
zu diesen Künsten eben so mildthätig gegeben haben, 
wie die zum Gehen nöthige Fähigkeiten. Gehörte 
es so zu den Bedürfnissen der Menschen, daß jeder 
ein Dichter wäre, wie es dazu gehöret, daß jeder 
gehen könne, so wären wir. alle gute Dichter, die 
wenigen ausgenommen, die durch Verwahrlosung, 
oder andere Zufälle an Genie lahm worden, wie 
einige Mensä;en an den Schenkeln gelähntt,sind. 
Nun ist offenbar, daß nicht alle Menschen, deren 
Genie sonst ganz gesund ist, Dichter, oder Mahler, 
oder Tonkünstler sind. Also möchte es mit dem zum 
Grunde der Untersuchung angenommenen ähnlichen 
Fall, nicht soganz seine Richtigkeit haben. 
Vielleicht hätte sich die Kunst der Sprach besser 
auf unsern Fall anwenden lassen. Das Sprechen 
ist ohne Zweifel auch eine Kunst. Ein Theil derselg 
 ben, sich verständlich auszudeuten, ist ein so natürs 
lithes Bedürfnis, daß alle Menschen, die nicht vers 
nngliikt sind, diese Kunst, wie das Gehen, ohne 
entwilkelte Theorie und Regeln, lernen. Es fällt 
auch der gelehrtesien Amme nicht ein, ihrem Säugk 
ling die Grammatik zu lehren, um ihm dadurch die 
Sprache bcyzubringen. Und doch hat man die The; 
orie der Kunst entwikelt, und die Regeln anseinan: 
dekgesczt; und noch ist es, so viel ich weiß, keinem 
Verständigen Menschen eingefallen zu sagen, die 
Gramniatik seh überhaiiptsunIiüz4 oder schädlich. 
Nur ihren Mißbrauch, da man Kinder will durch 
die Grammatik sprechen lehren, wird von allen Ver; 
ständigen Menschen geraden. 
Nämlich das zierliche, reine, sangenehnie Spuk 
chen, gehört nicht unter die ersten Bedürfnisse des 
Menschen. Ohne Theorie nnd Regeln würde es 
nicht jederman lernen, wie das Sprechen überhaupt. 
Darum fand man für gut, diese Theorie zu entwii 
kein. Niemand wird wol Wen, daß der, dem 
die Sprache durch den täglichen Gebrauch gkICUi7s 
worden, nnd der nun gerne nicht blos nothdükftig 
sich auszndruken, sondern mit einer gewissen Zierlichi 
Fett zu keden wünschet , sich vor.der Grauiniatik 
hüten soll.   
 Ich
        

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