Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten Jahrhundert
Person:
Pecht, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-585796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-590467
Das findet man auch bei dem 1884 gemalteu ,,UrlauberH, einem flotten Tiroler: 
jäger, der ins Vaterland zurückgekehrt, den Seinen die Erlebnisse in der Krivoseie 
oder in Bosnien erzählt. Hier in der Schilderung der dem prächtigen Burschen 
mit einer Mischung von Stolz, Neugier und Liebe lauschenden Familie zeigt der 
Meister noch überall die alte Kraft. Dagegen ist nicht zu leugnen, daß sich in dem 
1886 erschienenen ,,Speckbacher, der in einem Keller die Landsleute zum Ausstand auf: 
ruftU, ein unverkennbarer Nachlaß derselben zeigt, so gut als in der gleichzeitig fertig 
gewordenen lebensgroßen Himmelskönigin, die mit dem Kinde auf dem Arm aus den 
Wolken heraustritt. Hier ist zwar der Kopf noch vortrefflich, ebenso edel als groß 
und voll seelenvoller Frauenwiirde, aber alles Übrige zeigt nicht mehr die nnver: 
gleichliche naive Frische der ersten Madonua, ist viel schwächer. Es liegt in der 
Natur naiver Kunstrichtnngen, das; sie nicht so lange dauern können, als bewußte, 
sondern leicht in eine Naivetät zweiter Auflage nmschlagen, die eben keine urspriiug: 
liche mehr, sondern nur noch gemacht ist. Bei Defregger, der von der grenzenloseu 
Gunst der Nation getragen, den von allen Seiten auf ihn einstiirmenden Bestellungen 
kaum mehr genügen konnte, lag diese Gefahr doppelt nahe, und es muß sich nun 
zeigen, ob er die einstige naive Sicherheit des Schaffens durch bewußte Meisterschaft 
zu ersetzen im stande sein wird. Aber selbst wenn dies nicht gelänge, hat er der 
Nation bereits eine solche Reihe unvergleichlich echter, ihr tiefstes En1pfinden aus: 
sprechender Meisterwerke geschenkt, daß man sie klassisch und in ihrer Art unüber: 
troffen nennen kann.  Jnstinkt1uäßig fühlend, daß das Häßliche, Gemeine und 
Niedrige kein Gegenstand der Kunst sein könne, hat er uns in seinen Schilderungen 
des deutschen Banernlebens ein Denkmal hinterlassen, das unserer Zeit zu umso 
höherer Ehre gereicht, je größer, ja unübertrossener seine Wahrheit trotz eines 
kiinstlerischen Qpti1nismus ist, der tief in dieser alles Uureiue von sich stoßenden 
Natur begründet war. Er wirkt daher oft ganz religiös, da er uns in der anfprnch: 
losesten Weise den Glauben an alles Edle und Reine, an den unvertilgbaren Adel 
der menschlichen Natur wiederherstellt. Kaum weniger wohlthuend ist es, daß wenn 
Defregger den deutschen Bauernstand wieder in einer Weise zu Ehren brachte, wie 
es noch keinem Vorgänger geglückt, er dafür auch bei der Nation ein vollkom1nen 
entsprechendes Verständnis nnd Dank in Fülle fand. Nie ist ein Künstler in Deutsch: 
land glänzender belohnt worden als er, man riß sich förmlich um seine Bilder, die, 
wie sie unsere Galerien zieren, auch nach allen Weltteilen gingen, wo irgend Deutsche 
wohnen. Offenbar, weil er dieselben in ihrer Selbstachtnng mehr erhöht hat als 
irgend ein Künstler vor ihm, der unstreitig der natioualste von allen genannt werden 
muß. Man sah also genau dieselbe Erscheinung wiederkehren, wie sie Viktor Scheffel, 
Gustav Freytag und Fritz Reuter in unserer Dichtung darbieten. 
Hatten das Kleeblatt Hans Makart, Max und Defregger die deutsche Kunst 
in ungeahnter Weise bereichert nach der Seite der Schilderung der Schönheit des 
deutschen Lebens, wie der Romantik desselben, oder seiner nnverlierbaren gesunden 
Grundlage im Gemüte unseres Volkes, so fehlte doch ein Künstler, der in dieser 
Periode des nationalen Heroentums dem Kultus desselben durch seine Darstellung 
einen lebendigen Anhalt geboten hätte. 
Wir haben gesehen, wie unsere Kunst umso idealistischer ward, sich unter 
Mengs und Carstens, Schick und Wächter umso weiter vom nationalen Leben ent:
        

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