Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten Jahrhundert
Person:
Pecht, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-585796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-590399
bild, unverkün1mert, ohne Not und Armut zu kennen, ausgewachsen, doch gestählt 
durch harte Arbeit, begreift sich die tiefe Liebe wohl, die er bald zu einer Heimat 
einsog, wo die Menschen und die sie umgebende Natur an Kraft und Schönheit mit 
einander wetteifern. Früh durch den Tod des Vaters zur Selbständigkeit gekommen, 
fand er bald kein Vergnügen mehr am Bauernstand, sondern widmete sich nun, seinen 
Hof verkaufend, der Kunst, erst in Jnnsbruck, dann in München, wohin er 1860, 
bereits fünsundzwanzigjährig kam und, bei Piloth keine Aufnahme findend, erst die 
Kunstgewerbeschule, dann die Akademie besudhte, ihren Unterricht jedoch bald mit 
Paris vertauschte. Dort gefiel es ihm zwar auch nicht, aber er sah doch viel 1md 
arbeitete für sich in der Stille. Nach einem Jahre zurückkehrend, ging er zunächst 
nach der Heimat und malte dort auf einer Alm sein erstes Bild, einen Wilderer, 
welcher verwundet, der eben ihr Kind badenden Frau ins Haus gebracht wird. 
CGalerie Stuttgart.J Mit schlichter Wahrheit der Natur abgelauscht, zeigt es ihn 
schon ganz fertig und unterscheidet sich kaum viel von denen, die er später gemalt 
hat. Jetzt ward er auch in Pilotys Schule aufgenommen, wo er, deren strenge 
Zucht gut nühend, sofort einen ,,SpeckbacherH anfing, der in1 Hauptquartier der In: 
surgenten, einer großen Wirtshausstube weilend, trotz seines Verbotes den eigenen 
Knaben unter einer Schar eben ankommender LandesschiitHen entdeckt s1868J. Dieser 
Griff in die glänzendste Episode der Tiroler Geschichte war ebenso charakteristisch für 
Defregger als glücklich in der Ausführung, die nicht weniger liebenswürdige Natur: 
frische und uaive Wahrheit in der Auffassung der Charaktere, als Überraschende 
Mannigfaltigkeit derselben zeigt. Zugleich aber auch jene Sicherheit des Genies in 
der Gestaltung des ansprechenden Stoffes zum leicht verständlichen und entsprechend 
gegliederten Bilde, zu einem abgerundeten, organischen Ganzen, die von da an alle 
Werke des Meisters in so hohem Grade auszeichnet. Der Erfolg war denn auch 
hier gleich ein ganz entschiedener, wenn sich das Bild auch begreiflich zu denen 
Makarts verhält, wie ein ersrischender Trunk kristallhellen Quellwassers zu berauschen: 
dem Champagner. sDie anspruchlose Wahrheit dieser Schöpfung mit ihrer Mischung 
von Schalkhaftigkeit, Treuherzigkeit und kühner Kampflust bei dem Knaben, geheimem 
Vaterstolz und verstelltem Unwillen beim Papa, gewann ihr aber alle Herzen.  
Es folgte ein Ringkampf in einer Scheuer, wo das Verhalten der versammelten 
Zuschauer wieder so natürlich geschildert war, als die Kämpfer dramatisch. sMuseum 
in Köln.J Noch weit mehr Beifall gewannen bald daraus ,,Die BrüderH, wo der 
aus dem Gymnasium in die Ferien zurückkehrende Sohn einer wohlhabenden Bauern: 
familie dieselbe durch ein inzwischen angekommenes Nesthäkchen vermehrt findet, die 
beiden Brüder sich nun aber auf höchst komifche Weise mustern, wo denn die wohl: 
wollend überlegene Art des älteren aufs sköftlichfte mit der halb troHigen Neugier 
des Säuglings kontrastiert. Hier wie in dem Verhalten der übrigen zahlreichen 
Familienglieder ist aber eine Feinheit der Charakteristik mit dem Ausdruck der allen 
gemeinsamen tiefen Familienliebe so herzerquickend gepaart, besonders ist in dem Ver: 
halten der hübschen Schwestern gegen den städtisch herausgeputHten Studenten Neu: 
gier, Respekt und Zärtlichkeit so köstlich gemischt, daß das Bild dadurch zu einer 
wahren Verherrlichung der Reinheit und Schönheit des deutschen Familienlebens 
gemacht wird. Besonders weil der Schilderung keine Spur von Empsindsamkeit beii 
gemischt, sondern der sröhlichste, gesundeste Humor entwickelt wird. Dabei ist die 
Wahrheit aller Figuren ebenso groß, als der Ausdruck einer jeden sein charakterisiert,
        

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