Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten Jahrhundert
Person:
Pecht, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-585796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-589145
ein unterbrochenes Kartenspiel  die weitaus beste Schilderung oberbayerischen 
Volkslebens, die bis dahin gelungen  Bürkel und Kirner ähnliche Werke, Th. 
Schüz, ein PilotyiSchüler, seine köstliche ,,Witwelt, die vom Kirchhof heimkehrt, 
Lenbach sein erstes Sittenbild. Unter den Wienern brachte Waldmüller seine reizen: 
den Kinderbilder, Pette11kofeu seine kleinen Meisterwerke, der Karlsruher Kachel seine 
,,Verlobungll, kurz, alle jungen Talente hatten sich auf diese realistische Seite ge: 
worfen. Das zeigte sich selbst im Porträt, wo Fr. Kaulbachs hannoversche Königs: 
familie immerhin eine Leistung war, die seit Mengs nicht mehr erreicht worden. 
Ebenso Franz Adams Reiterbild des Kaisers von Osterreich, Andr. Achenbachs und 
Lenzes Porträte von Röting, Jenny Lind von Magnus, dann Richters Bild der 
eigenen Schwester, ein koloristisches Meisterstück. 
In der Landschaftsmalerei fand dasselbe Verhältnis statt. Repräsentierten 
Preller und Schirmer höchst glänzend die historische Richtu11g in derselben, die 
freilich auch ihre Motive regelmäßig im Ausland, in Italien oder dem Orient suchte, 
und deren Kartons durchs Malen nicht gewannen, so wendeten sich die Realisten, 
Andr. Acheubach an der Spitze, fast durchgängig der Darstellung der heimischen 
Natur zu. Neben ihm traten dann Leu, Gude, Kotsch unter den Düsseldorfern, 
Hildebrandt unter den Berlineru, Ed. Schleich unter den Münchnern zuerst glänzend 
auf, neben letzterem Morgenstern, Alb. Zimmermann, Heiulein, wie denn Lier auch 
zum erstenmal erschien. Die Architektnrmalerei war durch v. Bayer, Gräb, Hermann 
Dyck, Gerhard, den Aquarellisten Werner ebenso glänzend vertreten, wie die Tier 
malerei durch Koller in Ziirich und Volz in München. 
Einen nicht minder großartigen Aufschwung zeigte die Bildhauerei, wo 
Rauchs kürzlich enthülltes Friedrichsdenkmal, Rietschels Pieta und Büste Rauchs, 
Hähnels Raffael, Knabls Madonna, hier unstreitig sogar einen weit höheren Grad 
der Formvollenduug zeigten, als die Malerei. In der Architektur trat die Wiener 
Schule bereits dominierend auf, daneben Hübsch. 
Das Wichtigste blieb aber immer die Wirkung der Ansstellung auf die 
Nation selber durch die Erhöhung ihres Selbstvertrauens. Man kann sie nur mit 
der vergleichen, welche einst das Erscheinen des Lessing, Goethe und Schiller in der 
Litteratur hervorgebracht. Von dieser Ansstellung datiert daher die große Vorliebe 
der Nation vorab für die Malerei, aber auch für die bildenden Künste überhaupt, 
welche sich erst jetzt anschickten, den Platz, im Gemüt wie im Leben der Nation 
überhaupt wieder allmählich einzunehmen, der ihnen unter höchst nachteiliger Bevor: 
zugung der Wissenschaften nnd schönen Litteratur seit einem Jahrhundert versagt 
geblieben war. Die produktive Kraft der Nation wandte sich endlich nach dieser 
Seite, mit jener auffallenden Bevorzugung der Darstellung des heimischen Lebens 
oder der Veredlung seiner Formen, wie sie sich gleichzeitig in den Werken des eben 
auftauchenden Viktor Scheffel, dann Gottfried Kellers, Gustav Freytags, Frih Reuters 
auch in der Litteratur aussprach. Alle diese Erscheinungen deuteten aber auf jene 
wachsende Erhöhung des nationalen Geistes, wie sie sich bald auch so glanzvoll in 
der politischen Entwicklung der Nation und ihrer Verschmelzung zu einem großen, 
mächtigen Ganzen bethätigen sollte.
        

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