Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten Jahrhundert
Person:
Pecht, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-585796
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-588170
stattgefunden hatte, u11d wie sie doch zur Entstehung einer wahrhaft gefu11den Kunst, 
wirklich klassischer Kunstwerke, ganz unerläßlich ist. Wenn sie also Künstler wie 
Carstens, Genelli u. a., die sitt; so ganz von ihr abgewendet hatten, auch ihrerseits 
hartnäckig ignorierte, so war sie vollko1nmen in ihrem Recht, nicht jene, und jedes 
tüchtige Volk wird es ebenso machen, ja es ist gerade ein Beweis von steigender 
Gesundheit, wenn es das zu thun anfängt.  Denn die Erhaltung der nationalen 
Eigenart geht jeder anderen Rücksicht vor. Hätten sie allen abgesch1nackten Sihrullen 
ihrer Gelehrten nnd Künstler folgen wollen, so sprächen die Deutschen heute latei: 
nisch oder griechisch, sängen italienisch, malten französifch; folgten sie ihren höheren 
Klassen, so plapperten sie auch frauzösisch, so gut als sie sich nach Pariser Muster 
kleiden mußten. Es gibt überhaupt keine Narrheit, bis auf des Pfarrers von Lit:,el: 
stetten Weltsprache Volapük, deren Annahme man ihnen nicht zugemutet hätte. Wie 
die Juristen unser Recht dem römischen geopfert haben, wie wir jetzt sogar das aller: 
persöulichste, unsere Handschrift und unsere Drucklettern der unvernünftigen Aus: 
länderei unserer Gelehrten opfern sollen, so hätten wir nach 1u1d nach die Selbst: 
vernichtnng immer weiter getrieben. Der eigentliche Inhalt dieser ganzen antiki: 
sierenden Richtung, wie sie in Earstens und Genelli gipfelt, ist auch gar nicht das 
Leben der Hellenen, von dessen wirklichem Jnhalt alle diese Künstler herzlich wenig 
wußten, sondern er ist Roussean entlehnt, der die Menschheit mit Milch nähren 
wollte, aber selber Gänseleberpasteten vorzog, der die Freuden idyllischen Familien: 
lebens pries und seine eigenen Kinder ins Fiudelhans schickte. Es ist eine Art gol: 
denen Zeitalters, wie es nicht nur nie existiert hat, sondern auch gar nicht wünschens: 
wert ist, da es der Natur des Menschen ebensosehr widerspricht, als der trostlos 
langweilige Himmel des Christentums, den es ersehen wollte. Dergleichen ist aber 
noch unsinniger als je zuvor, seit die Darwinsche Entwickluugstheorie die Welt 
erobert und uns gezeigt hat, wie langsam sich die Menschheit vom Tiere zum 
jeHigeu Zustand emporgearbeitet, und wie ihr inneres Gesetz, die immer weitere Aus: 
bildung des Judividuellen und die schärfere Abgrenzung der Arten, also der ein: 
zelnen Nationen, am allerwenigsten aber die Auflösung der Menschheit in einen 
unterschiedslosen Brei sei. Also gerade das Gegenteil des geträu1nten Rousseau: 
schen Naturzustandes der Gleichheitl  Was aber der wirklichen Natur der Men: 
scheu durchaus widerspricht, kann niemals ein gesuudes Ideal sein, denn es handelt 
sich für die Kunst darum, diese Natur zu veredeln, nicht sie aufzuheben. Die Ab: 
ueignng speziell der Deutschen gegen diese ganze antikifierende Kunst war und ist 
darum vollständig berechtigt.  
Man sagt nun, die dauernde Ausbildung des Judividuellen müsse notwendig 
zur Karikatnr führen in der Kunst nnd deshalb sei das Studium der Autike 
notwendig um das zu verhindern. Dazu wird man aber derselben ebensogut ent: 
raten können, als zu allem andern, dazu reicht das Gesetz der Harmonie aller Teile 
mit dem Ganzen und seine Zweckmäßigkeit vollkommen aus. Doch die Antike allein 
vermag den Schönheitssiun auszubilden, sagt man nicht minder. Dann ist nur zu 
bewundern, daß Correggio, Tizian 1md Mnrillo, die alle von der Antike so gut wie 
nichts wissen, ihren Einfluß nirgends zeigen, dennoch ihren Geschmack so leidlich ent: 
wickelt habenl Die Antike ist zudem ganz und gar nicht frei von Manier, einige 
wenige ihrer bewundertsten Figuren ausgenommen, spiegelt sie vor allem die 1mge: 
heitere Eitelkeit des Griechenvolkes wieder, die nur darum nicht so sehr verleHt, weil 
Pccht, Geschichte der Münchener Kunst. 10
        

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