Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Blüte der Malerei in Holland
Person:
Philippi, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-566943
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-570180
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und 
Die LandschAft 
Figurenlandschaft. 
die 
Natur zu Jakob van Ruisdaels Seele gesprochen, der doch gewöhnlich 
weder Mond noch Sonne scheinen läßt. Als er hervortrat, um 1650, war 
unter einem anderen Himmel eine sehr Viel prächtigere Erscheinung aufge: 
stiegen, die Kunst Claude Lorrains. Der Süden, der den Menschen das 
Leben leichter macht, giebt alles reicher und voller, das Licht, die Formen 
und die großen Eindrücke. Dort steigert die Landschaftskunst das Naturbild 
zu einer Höhe, die keine Wirklichkeit mehr ist, aber wir merken kaum die 
schöne Täuschung, weil ihr Zauber uns gefangen nimmt, und viele von Ruis: 
daels Zeitgenossen zogen südwärts und dem helleren Glanze nach. Er selbst 
widerstand dieser Lockung, denn er liebte seine Heimat und lernte sie immer 
mehr verstehen, diese stillen Diinenhügel mit ihrem vom Winde nieder: 
gehaltenen spärlichen Baumwuchs, oder den einsamen Forst, die ziehenden 
Wolken nnd den herbstlichen Nebelduft. Seine Lieblinge sind die in Sturm 
und Wetter altgewordenen Eichen, die knorrigen mit dem zersplitterten Ast: 
wert, aber mit derselben Sorgfalt malt er das unscheinbare, fahle Moos am 
gelben Sa11dweg oder den blühenden Weißdorn und den traulichen Flieder 
über niedrigem Strohdach. Die hellen Frühlingswiesen Paul Potters und 
die lichtgrünen, durchsichtigen jungen Bäume auf den Landschastshinter: 
gründen der älteren Niederländer der Eyckischen Richtung würden wir bei 
Ruisdael vergebens suchen, bei ihm ist es meistens Herbst oder Hochsommer. 
Sein Grün ist vollsaftig und dunkel, wobei die Wirkung des Nachdunkelns 
noch abzuziehen ist. Manchmal. drückt er durch das Sonnenlicht eine be: 
stimmte Tageszeit aus, öfter aber giebt er eine Verschleierte, kühle Beleuchtung, 
hin nnd wieder einzelne sonnige Flecke, die aber bald verschwinden werden, 
wie uns ein Blick aus den Wolkenhimmel sagen kann. So sah er die Natur. 
Ernst wie er selbst war, trat er vor sie hin, mit einem Anslug von Schwer: 
Mut, und so antwortete sie ihm. Wer die Welt im idealen Sonnenglanze 
liegen sehen will, für den hat Claude Lorrain gemalt. Ruisdaels Land: 
schaft ist wahrer und sie sagt dem, der mit der wirklichen Natur Zwiesprache 
halten will, mehr,  soviel, wie nur je ein Landschaftsbild auszudrücken 
vermag. Seine Meisterschaft besteht darin, daß er nie auf den Effekt gemalt 
hat, ans einen Eindruck, der leicht gefangen nimmt. Seine Bilder sind 
meistens einfach und oft auf den ersten Blick unscheinbar, aber sie bestehen 
die Probe der nachhaltigen Betrachtung in ihrem Gleichgewicht des Jnhalts 
und der Ausführung. Nicht immer hat die gleiche Sorgfalt geherrscht, mitunter 
macht sich die Nachlässigkeit sogar sehr bemerklich, aber unter seinen vielen Bildern 
findet sich doch nur weniges, was man geradezu verunglückt nennen könnte.
        

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