Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Volkskunst
Person:
Mielke, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-534538
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-535674
Bau mit hellroter oder gelber Farbe ge1iincht, die Fenster werden ihres 
bunten Schmuckes entkleidet, und Luft und Licht dringen ungehemmt in 
den JnnenraUm, dessen 1veißgetünchte Wände die Akkorde des Neuen, 
des Modifkhen n1eiterklingen ließen. 
Und doch dürfen wir unsnicht ablehnend gegen diese Kunst ver: 
halten, die sich nur scheinbar, nur in ihrer Form:Gramn1atik, von ihren 
Vorgängern unterschied, die aber ihren Platz im Vorstellungskreise des 
Volkes trotzdem behauptete. Wie überall an allen Bauwerken  alles, 
was vor der lebenden Generation liegt, ist im Volksmunde schon alt  
rankt sich auch an seinen Dorfkirchen eine volkstümliche Poesie empor, 
die der eiserne Schritt des Jahrhunderts der Dampfmaschine nicht zer: 
treten konnte. Sei es nun, daß ihre kunstlos gesiigten Granitfind1inge 
als die ältesten Zeugen aus dem Dämmerlicht der Vergangenheit ragen, 
sei es, daß ihre emporstrebenden Backsteinmauern von einstiger froher 
Schaffenskraft erzählen, oder sei es auch, daß ihre griinn1nbuschten Ruinen: 
stritten von Not und Drangsal unserer Väter klagen; immer bleiben sie 
in dem Rahmen eines deutschen Dorfes, dessen Häuser selten über ein 
Jahrhundert zuriickreichen, der Mittelpunkt, in dem sich Vergangenheit 
und Gegenwart die Hand reichen. Denn nicht äußerlich durch gewaltige 
Konstruktionen und reichen Zierrat sind sie das geworden, sondern 
innerlich, in dem lebendigen Miterleben der Geschlechter mit den Schick: 
salen dieser anspruchslosem schlichten Bauten ist das poesievolle Band 
geschlungen, das den Dorfbewohner mit feiner Kirche verbindet. Wie 
inhaltlos das Leben des einzelnen auch manchmal verflossen sein mag, 
im Schatten seines Dorfkirchleins 1var dieses dennoch reich und viels 
bewegt. Davon zeugen dann noch die vielen persönlichen Erinnerungen, 
die in demselben aufbewahrt sind. Die Totenkränze, Brautkronen, 
Kriegsandenken, Jnfchriften sind ein Beweis dafür, wie eng dieses 
persönliche Verhältnis zwischen dem Landmann und seiner Dorfkirche ist. 
Gerade das letztere erhält das Interesse des Jndjviduu1ns für 
weitere Kunsts6höpfungen auch dann, wenn die Verhältnisse einen allge: 
meinen Stillstand der Bethätigung herbeigeführt haben; nur darf 1nan 
an diese Schöpfungen nicht mit dem an klassisCher Kunst geschulten Ver: 
stande herantreten. Es sind andere Momente, nach denen das Innere 
und Aeußere eines Gotteshauses ausgeschmückt sind, die aber im letzten 
Grunde doch wieder künstlerisch anregend auf die breite Masse wirken. 
Wenn an einer Kirche der Liineburger Haide ein sonderbar gestaltetes 
Kreuz eingemauert ist, so regt dasselbe die Phantasie des Volkes ebenso 
an, wie das bekannte Suante1vitbild an der Dorfkirche zu Alten:
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.