Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Volkskunst
Person:
Mielke, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-534538
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-535708
Im Gegensatz; zu den Dornen mittelalterlicher Städte ist die Kirchbau: 
kunst des Landes bei bescheideneren Verhältnissen stehen geblieben, die 
noch von der Bedürfnislosigkeit der ältesten Zeiten erzählen.  ist 
daher nicht gut, wenn man bei Neubauten über die Bedürfnisse einer 
Dorfkirche hinausgeht und nach dem Vorbilde der Stadtarchitektur ein 
neues Haus baut, das nach allen Gesetzen der Baukunst entwickelt ist. 
Sobald in solchem Gebäude der große Raum die wenigen Zuhörer er: 
drückt, ist dem Bauern die Andacht gestört; er will eng bei seine11 Nach: 
bam sitzen, den Prediger, die Bilder, alles ins Auge fassen können. 
CAbb. 65.J Selbst die großen, aus anderen Gründen erbauten und 
noch vorhandenen Dome, die ehemalige Klosterkirche zu Jericho u11d 
der Dom im heutigen Flecken Bardowiecsk, haben 1mter diesen U1nständen 
etwas Tragisches. Wie verlorene Posten recken sie sich empor, als wollten 
sie ausschauen naih den Zuhörern, die zu ihnen passen. Der Bauer 
verlangt von feinen1 Gotteshause, daß es inmitten grüner Bäume steht, 
1ind daß eine Mauer den geheiligten Bezirk unigebe, die das Heiligtum 
schon äußerlich als etwas Geweihtes, dem Tagesgetriebe Entriicktes3 her: 
vorhebt. Das Zufahrtsthor ist dementsprechend häufig monumental er: 
richtet, hinter dem die kunstvollen Grabkreuze hervorlugen. Man ver: 
gleiche nun mit der stillen Ruhe eines solchen deutschen Friedhofs, der 
unter üppigem Grün die Reste der Verstorbenen better, die stolze, 
lärmende Parade:Architektur, die vielen steinernen Klageweiber der 
Romanen, die den Pers Lachaise, die campi santi in Mailand, Genua, 
Rom, Neapel oder eines Dorfkcrchhofs erfüllen. 
Wie die Kehrseite im modernen Kunstschaffen gerade der Mangel 
jeder Rücksicht auf das Volkstiimliche überhaupt ist, so zeigt sie sich auch 
in den neuen Kirchen. Es ist doch eine eigene Sache mit der Volks: 
seele. Unbekiimmert um die Ergebnisse der Wissenschaft bildet sie sich 
ihre Welt für sich; sie hat ihre eigne Schönheitsempsindung, die oft mit 
der Kathederweisheit der Aesthetik nicht iibereinstimmt, die aber darum 
nicht weniger Recht auf Beachtung hat. Nicht ungestraft läßt sie sich 
übersehen; sie rächt sich dadurch, daß ihr das Verständnis für die Erfolge 
der Wissenschaft abgeht. Letztere hat nicht vermocht, tiefeingewurzelte 
Anschauungen aus grauer Vorzeit auszurotten. Dem Volke ist Roland 
noch immer der kühne Heldenjüngling, der Europa durch seinen Opsertod 
von heidnischer Unterdrückung rettete, nitht aber jener Raufbold, den die 
Geschichtsforschung aus ihm gemacht hat. Die kraftvolI:demütige Gestalt 
Tells, wie sie uns Schiller geschildert hat, wird ewig im Volksbewußt: 
sein weiterleben, wenn auch die Wissenschaft ihre Existenz in 
Frage stellt. Auch die kirchlichen Neuschöpfungen der leZten Jahre
        

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