Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerschule von Nürnberg im XIV. und XV. Jahrhundert
Person:
Thode, Henry
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-519104
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-521960
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Die Malerei 
Hälfte 
in der zweiten 
15s Jahrhunderts. 
auf ersterer etwas verschieden, so stimmt doch das ganze Motiv der Bewegung 
mit jenem überein. Es ist ein ganz ähnlicher .behauener Baumstamm, an den 
der arme Dulder gebunden ist; der rechte Arm ist wie dort gesenkt und an 
einen seitwärts abstehenden Ast gefesselt; wie dort sind die Beine etwas gesperrt 
und tritt der rechte Fuß auf den linken. Die Verschiedenheit liegt darin, daß 
auf der Zeichnung der Körper mehr nach links gewandt, der linke Arm über 
den Kopf zurückgebogen, der leßtere mehr aufrecht gehalten ist und das weiße, 
sonst durchaus verwandt behandelte Hüftentuch nach rechts statt nach links flattert. 
Auch die Formen des schlanken, aber jugendlich vollen Körpers mit den stark 
eingezogenen Hüften, den spitzen Ellenbogen, dem scharfen Schienbein entsprechen, 
abgesehen davon, daß auf der Zeichnung die Rippen stärker hervorgehoben sind, 
ganz denen des Gemäldes. Besonders auffallend aber ist die Uebereinstimmung 
in den Händen und Füßen: die rechte Hand mit den krampfhaft geschlossenen 
Fingern ist fast ganz gleich. Wäre nicht eine deutliche Verschiedenheit 
in den Gesichtstypen wahrnehmbar, man würde kaum anders urtheilen können, 
als daß einer und derselbe Künstler Zeichnung und Gewölbe gefertigt habe. 
Aber eben die Gesichtszüge machen stußig: der Kopf auf der Zeichnung ist 
kürzer, anmuthiger, ich möchte sagen: dem modernen Schönheitsgefühl bei 
Weitem mehr entsprechend; auch hier Verwandte Einzelheiten: die großen ge: 
senkten Augenlider, das Kinn mit dem Grübchen, das etwas heraufgezogene 
untere Lid, aber doch ein anderer zierlicherer Gesamtnteindruck, der besonders 
durch die hübsche, kürzere und geradere Nase und den feinen Mund bedingt 
wird. Die Entscheidung ist schwerl Denn die Zeichnung zeigt ferner eine 
solche technische Meisterschaft in der ModelIirung des Fleisches durch bräunliche 
Schatten, röthliche Konturirung und weiße Lichtaufhöhung, daß auch hiernach 
sehr wohl das Blatt dem Maler des Peringsdörffer Werkes zuertheilt werden 
dürfte. 
Und doch kann man sich trog Allem schwer hierzu entschließen. Die Be: 
ziehung zu einem bestimmten Bilde ist eine überaus nahe, ja frappant in die 
Augen fallende, aber der künstlerische Geist und Geschmack ist doch ein anderer, 
als der unserem unbekannten Meister eigenthümliche, ich möchte sagen, ein noch 
mehr vorgeschrittener. Nähme man ohne jede Voraussetzung das Blatt in die 
Hand, man würde es in den Anfang des 16. Jahrhunderts setzen und als eine 
Studie betrachten, zu der Hans Trantt jenen Sebastian auf dem Altarwerk 
sich als Vorbild genommen. So und nicht anders vermag ich es mir zu er: 
klären. Wer weiß, ob nicht die Erzählung von der Erblindung des Malers 
eine bloße Fabel ist und derselbe nicht viel1nehr zu jenen Künstlern gehört, 
welche, bis in das 16. Jahrhundert hinein thätig, noch in später Zeit von den 
großen Neuerungen Dürer7s beeinflußt, zu einer Wandlung in ihrem Stile 
gelangt sind. Dafür ließe sich wohl auch der Umstand geltend machen, daß
        

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